Cloud Computing: Zurück in die Zukunft

Zurück in die Rechenzentren: Mit der Cloud werden IT-Leistungen zentralisiert und für Privatuser und Unternehmen in riesigen, hochmodernen Rechenzentren bereitgestellt. Foto: Das neue Rechenzentrum von IP Exchange, einem Unternehmen der QSC-Gruppe, in München.

Kommen mit der Cloud die IT-Konzepte der 60er-Jahre zurück? Mit ihren zentralisierten Mainframes, Großrechnern und dummen Terminals?

Es scheint zumindest so. Denn Cloud Computing reaktiviert die schon fast vergessen geglaubte Idee, IT-Ressourcen zu bündeln und als Service zu begreifen. Davon profitiert der Privatuser, vor allem aber auch die Unternehmens-IT, die entschlackt und deutlich effizienter wird. Aus vielen Firmen werden Rechenzentren wohl ganz verschwinden.

 

 

Dieser Beitrag ist Teil einer sechsteiligen Artikel-Serie von Klaus Manhart zum Thema Cloud Computing. Alle Texte im Überblick:

 

Es ist wirklich paradox: Die Älteren haben sich mit der Erfindung des PCs in den 70er-Jahren darüber gefreut, wie Rechenpower, für die lange Zeit riesige Großrechenanlagen erforderlich war, plötzlich in einen grauen, kleinen Kasten wanderte. Ein ganzes Data Center auf oder unter dem Schreibtisch – erst im Büro und dann sogar in den Privatwohnungen: programmieren in High-Level-Sprachen, anspruchsvollste Datenbank-Anwendungen, CAD-Konstruktionen oder Simulationen – alles war möglich, jederzeit und direkt am Arbeitsplatz.

Jetzt läuft alles wieder in die Gegenrichtung: Mit dem Ausbau der Breitbandverbindungen und der Always-on-Mentalität verschiebt sich die Informationsverarbeitung zurück in die Datencenter. IT-Dienste werden nun wieder wie in den 60er-Jahren zentral gebündelt – und stehen weit weg von der persönlichen Location in einem Rechenzentrum bereit.

Der eigene Computer ist im Prinzip nur mehr dazu da, wie anno dazumal als „dummes“ Terminal die Ergebnisse darzustellen. Das zeigt sich auch in der zunehmenden Bedeutungslosigkeit des klassischen PCs und dem Aufstieg von mobilen und schlanken „Smart Devices“ wie Tablets und Smartphones.

Schon seit einigen Jahren wälzt die Cloud die IT um. Statt lokal vor Ort Daten zu speichern und zu verarbeiten, geschieht dies zunehmend in der Wolke – in irgendwelchen Rechenzentren irgendwo auf diesem Planeten.

Speicherplatz, Server, Computingpower und Anwendungen werden dort auf virtuellen Rechnern in riesigen Serverfarmen bereit gestellt und können von Nutzern je nach Bedarf abgerufen werden. IT-Leistung wird damit zu einem Service und Gebrauchsgut wie Strom und Wasser. Und ebenso bezahlt. Nämlich nur das, was verbraucht wird.

Office-Anwendungen wie Googe Docs lassen sich kostenlos online nutzen. Quelle: Google. Zum Vergrößern bitte Bild anklicken.

Office-Anwendungen wie Googe Docs lassen sich kostenlos online nutzen. Quelle: Google. Zum Vergrößern bitte Bild anklicken.

Google, Microsoft, Amazon – fast alle Internet-Größen bieten inzwischen Cloud-Dienste an. Sie vermieten ihre riesigen, bestens vernetzten Rechenzentren, weil die Anlagen viel mehr Leistung bereitstellen, als sie nutzen können. Bei Amazon zum Beispiel sind die Server nur während des Weihnachtsgeschäfts voll ausgelastet. Die übrige Zeit liegt ein Großteil davon brach.

Also kam man dort vor einigen Jahren auf die Idee, mit den überschüssigen Kapazitäten Geschäfte zu machen – und wurde mit der Umsetzung der Business-Idee zum Vorreiter der Cloud-Bewegung. So offeriert Amazon heute vor allem Hardware-Ressourcen wie Server oder Speicherplatz, während die Clouds von Google und Microsoft schwerpunktmäßig Software-Dienste bereitstellen.

Immer mehr gehen in die Cloud

Cloud Computing ist erst einmal eine Win-Win-Situation. Dem Privatuser erleichtert die Cloud das Leben. Millionen von Nutzern vertrauen inzwischen teils kostenlosen Storage-Diensten wie DropboxHidrive oder cospace (Business-Variante siehe hier unter www.qsc.de) und speichern dort Bilder, Musik, Filme und E-Mails. Viele zur Sicherung. Viele aber auch, um die persönlichen Daten immer und allzeit verfügbar zu haben – im Urlaub ebenso wie am Arbeitsplatz.

Damit lösen sich einige leidige Probleme: Dass die Lieblingssongs auf dem iPod nicht verfügbar sind, weil sie nicht auf das Gerät gespeichert wurden. Dass die Präsentation nicht fertig gestellt werden kann, weil sie auf dem Bürorechner liegt. Oder dass Fotos nicht per Handy verschickt werden können, weil die Datei das Größenlimit übersteigt.

Die Unabhängigkeit von den immer zahlreicheren Geräten ist tatsächlich einer der großen Vorteile der Cloud-Services: Sind die Informationen einmal in der Wolke entfällt das lästige Hin und Herschieben zwischen Festplatte, USB-Stick, Tablet, Smartphone und E-Mail. Und sie können mit anderen geteilt werden.

Diese Vorteile von Cloud-Lösungen stoßen bei den Netzusern immer mehr auf Resonanz: Laut einer aktuellen BITKOM-Studie speichern drei Viertel (76 Prozent) der Internet-Nutzer Fotos in der Cloud, fast jeder vierte (23 Prozent) legt dort Musik ab, jeder sechste (16 Prozent) Videos. Vor diesem Hintergrund kommt es allmählich zum Verdrängungswettbewerb zwischen neuen digitalen Diensten und klassischen Medien. So könnten rund 60 Prozent aller Internet-User auf DVDs verzichten, 50 Prozent auf Fotos auf Papier, 48 Prozent auf gedruckte Zeitschriften, 44 Prozent auf gedruckte Zeitungen und 25 Prozent auf Bücher.

Laut Branchenverband BITKOM ist das Speichern von Fotos im Netz die beliebteste Cloud-Anwendung privater Internetnutzer. Quelle: BITKOM.

Laut Branchenverband BITKOM ist das Speichern von Fotos im Netz beliebteste Cloud-Anwendung privater Internetnutzer. Quelle: BITKOM.

Cloud-Computing verspricht aber noch einiges mehr: So lassen sich mit Web-Apps direkt im Browser Fotos retuschieren, neue Musikmischungen zusammenstellen oder Texte online bearbeiten.

Office-Anwendungen wie die von Google sind schon lange frei verfügbar im Netz und laufen plattformunabhängig im Webbrowser. Das Geld für eigene Programme lässt sich damit sparen – ebenso die Sorge, ein wichtiges Update zu verpassen.

 

Revolution in den Unternehmen

Die eigentliche Revolution aber machen gerade die IT-Abteilungen in den Unternehmen durch. Hier krempelt die Cloud im wahrsten Sinn des Wortes althergebrachte Traditionen um. Statt teuere IT-Ressourcen wie Server, Software oder Storage selbst zu betreiben und vorzuhalten werden diese bei Bedarf einfach gemietet. Das hat den Vorteil, dass man sie nur bezahlt, wenn man sie auch braucht.

83 Prozent der deutschen Unternehmen beabsichtigen, in irgendeiner Form in die Cloud zu gehen. Quelle: IDC. Ein Klick auf das Bild öffnet das pdf zur Studie.

Beispiel Gehaltsabrechnung: Das SAP-Modul Human Resources beschäftigt in einem 10.000-Personen-Unternehmen locker mehrere Server mit entsprechenden Festplatten. Rechenpower, die extra für diese Applikation bereit gestellt werden muss. Doch nach zwei Tagen ist Schluss. Sind die Berechnungen abgeschlossen, liegen die Server bis zum nächsten Zyklus brach. Ein Musterbeispiel für verschwendete und teure Ressourcen.

Mit der Verlagerung in die Cloud erspart man sich Server und Hardwarekosten. Die IT wird viel flexibler, denn gemietet wird nur noch die gerade benötige IT-Leistung. Der Leistungsverbrauch kann jederzeit und ad hoc nach oben und unten skaliert werden. Wenn eine Anwendung zusätzliche Ressourcen benötigt, können diese ohne Aufwand dynamisch dazu geschaltet werden. Werden sie nicht mehr gebraucht, schaltet man sie einfach ab.

Dass sensible Geschäftsprozesse wie die Gehaltsabrechnung in der Cloud durchgeführt werden könnten, ist für viele Unternehmen noch ein rotes Tuch. Doch die Zeiten ändern sich, wie eine im Auftrag von Microsoft kürzlich durchgeführte IDC-Studie „Cloud Computing und Consumerization of IT in Deutschland 2012“ zeigt. Inzwischen werden auch kritische Unternehmensdaten in der Wolke vorgehalten und Office-Software von Google oder Microsoft wird zunehmend auch von Unternehmen online gemietet.

Firmeninterne Rechenzentren ade?

„Standen in der Vergangenheit viele Unternehmen Cloud Computing bezüglich Sicherheit und Datenstandort kritisch gegenüber, zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass sich diese Sichtweise geändert hat“, sagt Wafa Moussavi-Amin, Analyst und Geschäftsführer bei IDC Central Europe. So nahm die Anzahl der „Skeptiker“ innerhalb des vergangenen Jahres deutlich ab (minus sieben Prozentpunkte) und umgekehrt sind jetzt 75 Prozent der Entscheider – das sind fünf Prozentpunkte mehr – „Pro Cloud Computing“ eingestellt.

 

Für 90 Prozent der deutschen Unternehmen ist Cloud-Computing bereits Teil der Unternehmens- oder IT-Strategie. Quelle: IDC. Zum Vergrößern bitte das Bild anklicken.

Insgesamt nimmt die Verbreitung von extern genutzten IT-Diensten bei den Unternehmen laut der IDC-Studie „Cloud Computing in Deutschland 2012“ stark an Fahrt auf. Bereits vier von fünf deutschen Unternehmen beabsichtigen in irgendeiner Form in die Cloud zu gehen. 23 Prozent der Befragten streben an, möglichst alle IT-Bereiche in die Cloud zu legen, 38 Prozent zumindest einen Teil und nur jeweils elf Prozent geben sich zögerlich und planen, Cloud-Services nur geringfügig beziehungsweise temporär zu nutzen. Vergleicht man Studien zur Cloud-Akzeptanz über mehrere Jahre, ergibt sich ein stabiler Trend, der auf einen Punkt gebracht lautet: Alle Wege führen in die Cloud.

Prolongiert man diesen stabilen und gefestigten Trend bedeutet das: In zehn Jahren werden die meisten Unternehmen kaum mehr eigene Server oder Rechenzentren betreiben, der überwiegende Teil der IT-Leistungen wird aus der Wolke bezogen werden. Wenn interne IT-Abteilungen künftig noch eine Berechtigung haben, dann vielleicht noch bei hochsensiblen Anwendungen. Die Handelsalgorithmen eines Finanzdienstleisters zum Beispiel sollten intern betrieben werden. Übliche Office-Anwendungen nicht.

 

 

Cloud Computing: Zurück in die Zukunft
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Klaus Manhart

Über Klaus Manhart

Der Münchener arbeitet als freiberuflicher Fachautor mit den Schwerpunkten IT und Wissenschaft. Seine Laufbahn begann Dr. Klaus Manhart mit einem Studium der Sozialwissenschaften und Psychologie sowie Logik und Wissenschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort promovierte er in den Fächern Logik und Wissenschaftstheorie. Er publiziert regelmäßig in Wissenschaftsmagazinen und der IT-Presse und wurde für einige seiner Beiträge ausgezeichnet.
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