Smart ist angesagt – TK- und Energiemärkte rücken zusammen

Autofahren mit Strom: Betanken eines Elektrofahrzeugs.

eMobility: Betanken eines Elektrofahrzeugs. Foto: (cc by-sa-3.0) Gereon Meyer

Märkte, die lange nebeneinander ohne nennenswerte Berührungspunkte existierten, geraten in Bewegung.

Hierzu zwei Beispiele:
Zum einen bietet RWE im Frühjahr 2011 die Energiesteuerung für zu Hause – das RWE Smarthome Paket – an. Enthalten sind in diesem Paket eine Funk-Heimautomatisierung, Steuerung von zu Hause oder unterwegs per PC oder Smartphone, sichere Verschlüsselung sowie eine Steuerung über Smartphone-Applikationen. Zumindest aus Sicht der TK-Anbieter sind hier wesentliche Elemente eines TK-Anbieter-Produktportfolios enthalten: Funkverbindung, Machine-to-Machine-Anwendungen, Generierung von Plattformen für Applikationen.

Manch ein TK-Manager hat sich angesichts des Angebotes eines Energieversorgers sicher gefragt: Warum kommt das nicht von der Deutschen Telekom, Vodafone, Telefonica oder E-Plus?

Zum anderen kooperieren auch beide „Welten“ miteinander. Die Herausforderung „Ausbau von breitbandiger Infrastruktur“ wird durchaus gemeinsam angepackt. So stärken beispielsweise RWE und Vodafone die Zusammenarbeit beim Glasfaserausbau in mehreren Gemeinden und ihr Engagement in ländlichen Regionen. Zunächst geht es dabei um Kostenreduktion im Sinne einer typischen Burden Sharing Alliance. Zusätzlich geht es um die Realisierung von Zusatznutzen: So benötigen zukünftig die Stromnetze aufgrund der zunehmenden dezentralen Energieeinspeisung und flexibleren Energienachfrage immer intelligentere Informations- und Steuerungsmechanismen.

Beide Beispiele zeigen die aktuelle Marktsituation: Unternehmen aus dem TK- und dem Energiemarkt treten derzeit im Sinne der „Coopetion“ sowohl als Partner als auch als Wettbewerber auf. Einerseits wird kooperiert beim teuren Infrastrukturausbau, andererseits wird konkurriert beim Diensteportfolio. Auch auf einer weiteren Ebene wird die Verzahnung der beiden Branchen deutlich. So hat der größte deutsche Energiekonzern Eon im März 2011 vorgeschlagen, René Obermann in den Eon-Aufsichtsrat zu wählen. Der Schachzug, um die Grundlage für eine zukünftig engere, strategische Zusammenarbeit zu legen, ist offensichtlich.

Die Ursachen für die Bewegung in den Märkten lassen sich in den folgenden Punkten darstellen:

  • Verschärfung der gesetzlichen Rahmenbedingungen rund um den Themenkomplex „Energieeffizienz“;
  • Suche nach neuen Geschäftsmodellen und Wachstumsfeldern, insbesondere vor dem Hintergrund im Wachstum stagnierender Cash-Cows;
  • Schließung von strategischen Allianzen (RWE und Vodafone, Eon und Deutsche Telekom)  zur schnelleren Adressierung des Zielmarktes.

Allerdings lässt sich feststellen, dass sich nicht nur die Märkte TK und Energie aufeinander zu bewegen. Große Ambitionen auf einen erfolgreichen Marktauftritt in einem verschmelzenden TK-/Energiemarkt hegen ebenfalls die IT-Anbieter. So ist es nicht überraschend, dass sich Anbieter wie Cisco, Alcatel-Lucent und Hewlett Packard ebenfalls in einem verschmelzenden TK- und Energiemarkt aufstellen.

Die folgende Abbildung verdeutlicht die Verschiebungen und Expansionsbestrebungen in den bisher drei genannten Märkten:

Verschmelzung der Industrien: TK, IT und Energiewirtschaft

Verschmelzung der Industrien: TK, IT und Energiewirtschaft

 

Neben dem Angebot von smarten Energiedienstleistungen im Haus zeichnet sich mit dem Thema eMobility ein weiteres Spannungsfeld zwischen Energie- und TK-Markt ab. Gerade weil die Rahmenbedingungen für eine funktionierende eMobility Infrastruktur noch nicht klar sind, existiert ein großer Klärungs- und Diskussionsbedarf hinsichtlich der Realisierung. In einer Studie, die mit Marketingstudenten der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg im Wintersemester 2010/2011 in Kooperation mit Cinterion Wireless Modules durchgeführt wurde, konnten zentrale Eckwerte für die zukünftige Marktentwicklung identifiziert werden.

Diese Eckwerte zeigen erheblichen Spielraum für Energie- und TK-Unternehmen, was in den folgenden Punkten zum Ausdruck kommt:

  • Verbraucher werden eMobility-Fahrzeuge primär zu Hause laden. Eine öffentliche Infrastruktur wird demgegenüber für „Notfälle“ benötigt und falls der Wagen über einen längeren Zeitraum geparkt wird (z.B. am Arbeitsplatz).
  • Das Smartphone wird zur zentralen Steuerungseinheit des Fahrzeuges mit folgenden Informationen: Aufenthaltsort, Ladezustand und -prozess, Abrechnungsdaten etc.
  • Preismodelle der Energieversorger werden das nächtliche Aufladen von Elektrofahrzeugen forcieren. Der „Befehl“ zum derartigen Aufladen erfolgt via App.
  • Tagsüber werden die Batterien des Fahrzeuges als Energiespeicher aktiv genutzt. Das heißt, ein Laden und Entladen erfolgt nach Bedarf und unter Zustimmung des Nutzers ebenfalls via App.
  • Die zunehmende Entkopplung von Mobilität und Besitz führt zu einer zunehmenden Buchung von Mobilität je nach Bedarf des Nutzers. Im Rahmen integrierter Mobilitätskonzepte werden verschiedene Transportmöglichkeiten zukünftig deutlich enger miteinander kombiniert.

Insgesamt treffen bei der Sicherstellung von eMobility die beiden Kernthemen Energieversorgung und intelligente Steuerung und Kontrolle zusammen. Vor diesem Hintergrund ist zu beobachten, dass Energieversorger systematisch die Erschließung einer Elektro-Infrastruktur vorantreiben. Die für die Abrechnung notwendige Identifizierung des Nutzers erfolgt direkt an der „Zapfsäule“. Die damit verbundenen Servicedienstleistungen wie Abrechnung werden dabei ebenfalls integriert angeboten. Die Komplexität der Abrechnung hat aufgrund der möglichen Integration der verschiedenen Energieversorger den Charakter des „Roamings“ wie in der Telekommunikation. Das Ergebnis der Untersuchung war eindeutig eine stärkere Initiative seitens der Energieanbieter, die sich ganz offensichtlich in der frühen Marktphase systematisch Erfahrungs- und Lerneffekte sichern.

Die TK-Industrie muss dabei erheblich aufpassen, dass sie sich nicht zu einem reinen Zulieferer für die Energiedienstleister entwickelt und damit eine aktive „Zuschauerposition“ im Markt einnimmt. Dies wurde im Rahmen der Studie übrigens auch an anderer Stelle sichtbar.

Die Betreiber von öffentlichem Parkraum, im Grunde prädestiniert für den Aufbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur, warten laut Ergebnis der Befragung erst einmal ab. Elektrozapfsäulen werden allenfalls in Kooperation mit Energieversorgern aufgestellt. Dieses Verhalten sollten die TK-Anbieter auf keinen Fall zum Vorbild nehmen.

Abwarten und Tee trinken wird mit Sicherheit zu einem absehbaren Ergebnis führen: Die Initiative übernehmen andere, und wer einmal auf der Ersatzbank sitzt, kommt schwer von ihr wieder runter! Stattdessen sollten die TK-Anbieter stärker ihre Kernkompetenz einer Beherrschung von Infrastruktur, Abrechnung und Bereitstellung von intelligenten Plattformen für die Entwicklung an Applikationen in den Vordergrund stellen. Zusätzlich profitieren sie von einem klaren Imagevorteil. Die Brands der großen TK-Anbieter haben für viele Nutzer den Stellenwert einer Trusted Brand und den gewünschten Spielraum für Up- und Cross-Selling-Angebote.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Dynamik des ITK- und Energiemarktes anhalten wird. Es zeichnen sich Kooperationsansätze im Infrastrukturbereich und Wettbewerb im Diensteportfolio ab. Energieanbieter sind angesichts eines konkreten Angebotes, wie beispielsweise Smarthome und eMobility, derzeit die erkennbar Aktiveren.

Sollte es bei dieser Aufteilung der Wertschöpfungskette bleiben, rücken die Energieversorger mit neuen Diensten enger an den Kunden heran und die ITK-Industrie entwickelt sich zu einem intelligenten Zulieferer. Wer mit dieser Rollenverteilung nicht einverstanden ist, sollte die noch frühe Marktphase nutzen, um durch integrierte ITK/Energie-Angebote im Markt Stellung zu beziehen.
 
 
Dschungelführer 2011: Branchenbuch der Telekommunikation.Der Beitrag erschien erstmals im kürzlich veröffentlichten „Dschungelführer 2011“, einem jährlich erscheinenden Branchenbuch und Führer durch den deutschen Telekommunikationsmarkt. Nähere Informationen zum Inhalt und zur Bestellung siehe unter www.dschungelfuehrer.de.
 
 
 
 
 
 
 
 
Erstes Foto im Text und im Teaser auf der Startseite: „Autofahren mit elektrischem Strom“: (cc by-sa-3.0) Gereon Meyer

Beitrag bewerten
Drucken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Um die Diskussionsqualität zu wahren, veröffentlichen wir nur noch Kommentare mit nachvollziehbarem Vor- und Nachnamen sowie authentischer E-Mail-Adresse. Bitte beachten Sie zudem unsere Social Media Guidelines.