Dennis Knake
Publiziert am 7. Mai 2012 von unter:

re:publica 2012: „Willkommen am Nerdpol“

Treffender als Raúl Krauthausen, Blogger und Vorstand des Berliner Vereins Sozialhelden e.V., kann man die re:publica wohl kaum bezeichnen: „Willkommen am Nerdpol“, begrüßte er mich, als sich unsere Wege in einer ruhigen Minute um die Mittagszeit auf dem Veranstaltungsgelände „Station Berlin“ kreuzten. Hier waren sie also alle versammelt: Blogger, Journalisten, IT-Fachleute, Aktivisten, Rechtsanwälte und sogar Banker. Mit dem Wort „Netzgemeinde“ kann man sie reizen, aber so heterogen die Mischung auch war, sie alle hatten eines gemeinsam: Smartphone, Tablet oder Laptop und eine ausgeprägte Affinität zum Medium Internet.

Drei Tage krawattenloses Treiben

Auf acht Bühnen, Stages genannt, präsentierten von morgens zehn bis abends halb neun die großen und kleinen Berühmtheiten des Netzes Themen rund um nationale und internationale Netzpolitik, Recht, Wissenschaft- und Forschung, Social Web und Entertainment. Hier waren sie alle versammelt, denen man sonst nur irgendwo im Web begegnet. Ob Sascha Lobo, Mario Sixtus, Thomas Knüwer oder Markus Beckedahl. Ob Julia Schramm, Cindy Gallop, Sue Reindke oder Nicole Ebber.

Analoge "Twitterwall" auf der re:publica 2012. Foto: Dennis Knake/QSC

Analoge "Twitterwall" auf der re:publica 2012. Foto: Dennis Knake/QSC

Bunt ging es zu auf der re:publica. Das verdeutlichte nicht nur die täglich die Farben wechselnde „analoge“ Twitterwall. Die re:publica ist, wie es der Außenstehende vielleicht nicht vermuten mag, nicht technisch fokussiert, sie ist politisch. Der Umgang mit dem Medium Internet in unserer Gesellschaft steht im Mittelpunkt.

Das diesjährige Motto „ACT!ON“ sollte dies einmal mehr unterstreichen: „Auf der sechsten re:publica geht es darum, die technischen Erneuerungen voranzutreiben, Themen wie Mobilität, Ressourcenverteilung oder Finanzen zu überdenken, interaktive Designs und Spiele zu entwickeln, gesellschaftliche Denkmuster und Geschäftsmodelle auf den Kopf zu stellen und im Zuge der DIY-Bewegung Produktion und Konsum neu zu definieren“, so die Veranstalter über sich selbst.

So erfuhren die Besucher mehr über Risiken und Möglichkeiten beim Bloggen in politisch instabilen Regionen in Afrika oder der arabischen Welt und konnten sich auch sonst über ihre Rechte als Mitglied dieser Gesellschaft auf ganz unterschiedlichen Veranstaltungen informieren.

Informationsfreiheit

Helen Darbinshire, Menschenrechtlerin von "Access Info Europe" legte das Augenmerk auf die Auskunftsfreudigkeit europäischer Staaten. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Helen Darbinshire, Menschenrechtlerin von "Access Info Europe" legte das Augenmerk auf die Auskunftsfreudigkeit europäischer Staaten bei Anfragen ihrer Bürger. Foto: Dennis Knake/QSC AG

So etwa bei Helen Darbishire, langjährige Aktivistin für Menschenrechte und Gründerin von „Access Info Europe„, einer Nicht-Regierungsorganisation (NGO) zur Stärkung der Informationsfreiheit. Sie gab Einblick in ihre Arbeit und wurde nicht müde den Zuhörern und besonders auch die anwesenden Journalisten immer wieder aufzufordern, ihr Recht auf Auskunft gegenüber europäischen Regierungsstellen wahrzunehmen.

Auch bei Glyn Moody, Mathematiker, Buchautor und Journalist, ging es politisch zu. Er warnte gleich am ersten Veranstaltungstag in seinem 30-minütigen Vortrag vor dem umstrittenen Anti-Counterfeiting Trade Agreement, kurz ACTA, welches nach Aussagen der ebenfalls auf der re:publica aufgetretenen EU-Kommissarin Nellie Kroes am letzten Tag der re:publica als „erledigt“ bezeichnet wurde.

Verhaltensregeln im Netz

"Shitstorm galore" titelte Udo Vetter und zeigte, wie Selbstjustiz im Internet schnell zum rechtlich folgenschweren Boomerang werden kann. Foto: Dennis Knake/QSC AG

"Shitstorm galore" titelte Udo Vetter und zeigte, wie Selbstjustiz im Internet schnell zum rechtlich folgenschweren Boomerang werden kann. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Die etwas kleinere Stage 3 wurde Udo Vetter, dem bloggenden Strafrechtsanwalt mit Grimmepreis aus Düsseldorf kaum gerecht. Bis zum Bersten voll war der Saal, als Vetter über die „Spielregeln im Netz“ referierte und den anwesenden Zuhörern Fallbeispiele aus dem Alltag nannte, wie man sich im Netz besser nicht verhalten sollte. Selbstjustiz zum Beispiel: Mitmenschen mit Klarnamen, Adresse oder sogar einem Foto an den Internetpranger zu stellen, kann sich ganz schnell als Bumerang erweisen. Eine Lehrstunde in Sachen Verhaltens-Einmaleins.

Und auch zum Thema Blog gab es noch den ein oder anderen nützlichen Tipp. Kostprobe? Wer privat bloggt, braucht kein Impressum. Und: Sich von Links mit Hilfe eines Disclaimers (Haftungsausschluss) pauschal zu distanzieren, nützt im Zweifelsfall auch nichts. Vor allem der auf unzählige Webseiten kopierte Disclaimer mit Bezug auf ein Urteil vom 12. Mai 1998 vom Landgericht Hamburg (Az. 312 O 85/98) ist überflüssig. Udo Vetter dazu „Da steht nicht mal das drin, was dann behauptet wird.“ So ist das halt mit dem Internet. Falschmeldungen halten sich hartnäckig und das über Jahrzehnte.

Für mehr Barrierefreiheit 

Über Fallstricke nicht nur in der Onlinewelt, sondern im ganz realen Leben berichtete Raúl Krauthausen in seiner Session zum Thema „Do-It-Yourself: Barrierefreiheit“. Der Gründer des Berliner Vereins Sozialhelden e.V. zeigte auf, wie sich das Netz nutzen lässt, um Menschen mit körperlichen Einschränkungen mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. So listet etwa das Open Source Projekt „BrokenLifts.Org“ aktuell defekte Aufzüge im öffentlichen Berliner Nahverkehr auf. Aber auch beim Thema Webdesign gibt es noch eine Menge zu lernen. So erfuhren die Besucher mehr darüber, wie sich Webseiten so gestalten lassen, dass auch Menschen mit eingeschränkter Seh- oder Hörkraft keine Nachteile erwachsen.

Regierungssprecher Steffen Seibert twittert selbst unter @RegSprecher. Auf der re:publica erzählte er von seinen Erfahrungen und versprach, sich für mehr Barrierefreiheit im Regierungsweb einzusetzen. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Regierungssprecher Steffen Seibert twittert selbst unter @RegSprecher. Auf der re:publica erzählte er von seinen Erfahrungen und versprach, sich für mehr Barrierefreiheit im Regierungsweb einzusetzen. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Dass auch die Bundesregierung noch mehr dafür tun muss, ihre Präsenzen im Web barrierefreier zu gestalten, war ein besonderes Anliegen von Julia Probst, die unter dem Pseudonym „@EinAugenschmaus“ dem twitternden Regierungssprecher Steffen Seibert mit ihrem Anliegen immer wieder auf die digitalen Twitterfüße getreten ist.

Regierungssprecher zum Anfassen

Seibert erzählte am re:publica-Freitag höchst persönlich über seine Erlebnisse als twitternder Regierungssprecher (@RegSprecher) und die ein oder anderen Fettnäpfchen, die er dabei schon erwischt hat. Auch Julia Probst war samt Gebärdendolmetscherin ganz vorne mit dabei und ließ auch diesmal nicht locker. So bemängelte sie, dass der YouTube-Kanal der Bundesregierung immer noch nicht über Untertitel verfüge.

Der Regierungssprecher konnte leider auch kein genaues Datum dafür nennen, versprach aber, sich für eine schnelle Umsetzung einzusetzen. Ohnehin war die Talkrunde mit Steffen Seibert eine Lehrstunde für professionelle PR. Charmant umschiffte Seibert so manch kritische Frage und gab sich offen und für Kritik empfänglich. Die Moderatorin war keine Herausforderung für ihn und schien ob seines adretten Auftritts eh schwer ver- und entrückt zu sein. So provozierte eine ihrer Nachfragen mit der Einleitung „Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber…“, prompt ein lautes und ungläubiges „Neeeeeiiiiinn (natüüüürlich nicht)!!!“ aus dem Publikum.

PR-Profi durch und durch. Besonders die Moderatorin hing sichtbar an Seiberts Lippen. So sehr, dass es für einen Zwischenruf reichte. Foto: Dennis Knake/QSC AG

PR-Profi durch und durch. Besonders die Moderatorin hing sichtbar an Seiberts Lippen. So sehr, dass es für einen Zwischenruf reichte. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Hoffnungen, dass Seibert auf seinem Twitterkanal auch mal etwas persönlicher werden würde, musste er jedoch dämpfen. Platz für persönliches sei auf dem offiziellen Regierungskanal nun wirklich nicht. Und was denn passiere, wenn er eines Tages nicht mehr Regierungssprecher sei? „Dann hoffe ich, dass mein Nachfolge sich genauso offen für Twitter zeigt wie ich und an dieser Stelle weitermacht“, so Seibert.

Streit ums Urheberrecht

Professioneller im Auftreten als Moderator zeigte sich Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler  in seiner Talkrunde „Copyriots! Kampf der Kulturen“ rund um das Urheberrecht. Zu Gast Konrad von Löhneysen, Geschäftsführer des Berliner Labels Ministry of Sound Recordings,  Konrad Fritzsch, Vorstand des Online-Musiksenders tape.tv AG, Die Sängerin und Songwriterin Roxanne de Bastion aus London, Medienkomponist Hans Hafner und Blogger Michael Seeman aka „mspro“. Die GEMA, die Johnny Haeusler auch gerne am Tisch hätte sitzen sehen, war der Einladung leider nicht gefolgt.

Konrad von Löhneysen, Geschäftsführer des Plattenlabels "Ministry Of Sound" ärgert sich über Filesharer. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Konrad von Löhneysen, Geschäftsführer des Plattenlabels "Ministry Of Sound" ärgert sich über Filesharer. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Gleich zu Beginn schaltete Haeusler auf Angriff über und stellte Konrad von Löhneysen die Frage, wieviel Geld sein Unternehmen mittlerweile mit Abmahnungen im Vergleich zum eigentlichen Kerngeschäft, der Musik, mache. Nicht weniger provokant Antwortete dieser „Leider nicht genug“ und erntete dafür ein raunen im Saal. Auch sieht Löhneysen die Internet-Zugangsprovider bei der Aufdeckung von Urheberrechtsverletzungen in der Pflicht.

Konrad Fritzsch, der sich im Gegensatz zu YouTube mit der GEMA auf ein Gebührenmodell für tape.tv einigen konnte, wollte mit dem Gerücht aufräumen, die populäre Google-Videoplattform mache mit ihren Werbeanzeigen Millionen und könnte doch locker die GEMA Forderung nach „pay-per-click“ erfüllen. „YouTube ist wie eine Kneipe, in die alle reingehen und umsonst saufen. YouTube verdient kein Geld, die verbrennen es.“ Allen Befürwortern rigider Überwachungsmaßnahmen rief er zu „Das Internet ist da, wir schalten es auch nicht mehr ab.“

Es lief darauf hinaus, dass sich die anwesenden Diskutanten darauf einigten, dass das Urheberrecht durchaus wichtig sein, aber auch einer Reform bedürfe, die der Nutzung der neuen Medien endlich Rechnung trage. Auch das GEMA-Modell sei mit seinen kaum noch durchschaubaren Bezahl-Schlüsseln so komplex, dass Johnny Haeusler dieses Fass ungern auch noch aufmachen wollte. Ebensowenig Platz für vertiefende Diskussion hatte da auch die Bemerkung von Michael Seemann aka „mspro“, der sich in der ganzen Diskussion um Urheberrecht, GEMA-Schlüssel und Kulturflatrate auch das Thema bedingungsloses Grundeinkommen in den Raum warf.

Roxanne de Bastion hat gut lachen. Anders als bei der GEMA zahlt sie an das britische Pendant PRS keine Gebühren als Künstlerin. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Roxanne de Bastion hat gut lachen. Anders als bei der GEMA zahlt sie an das britische Pendant PRS keine Gebühren als Künstlerin. Foto: Dennis Knake/QSC AG

Roxanne de Bastion schilderte, dass sie als Künstlerin rein vom Internetgeschäft und ganz ohne Verwertungsgesellschaft auch nicht leben könnte. Anders jedoch als bei der GEMA müsse sie als Mitglied jedoch nicht in Vorleistung treten: „Ich zahle nicht an die PRS, bekomme mein Geld dann aber abzüglich PRS-Provisionen ausgezahlt.“

Mit den Plattenlabels ging sie härter ins Gericht. In ein wie für Twitter gemachten Satz bemerkte sie: „Es ist viel einfacher, mit Musikern Geld zu verdienen, als mit Musik Geld zu verdienen.“

Fazit

All das hier geschilderte kann leider nur ein ganz kleiner Zusammenschnitt von all dem sein, was sich an drei Tagen re:publica vom 2. bis 4. Mai zugetragen hat. Als Besucher hätte man sich gerne das ein oder andere Mal zwei-, drei- oder vierteilen wollen, um noch mehr Vorträge aufzusaugen, um Gutes vom Schlechten zu trennen, und um den eigenen Webhorizont noch etwas zu erweitern.

Sicher, es gab auch viel Oberflächliches und Selbstverliebtes zu erleben. Speaker so dermaßen in ihrer eigenen Gedankenwelt versunken, dass man als Zuhörer kaum folgen konnte und sich am Ende etwas verloren fragen musste: „Was war jetzt eigentlich die Message?“

Doch all das war es wert. Wie das Internet selbst, lieferte auch die re:publica ein Sammelsurium Informationen und Eindrücken querbeet durch die Netzgesellschaft, die Gesellschaft im Netz. Nach den Goldstücken muss man manchmal halt ein wenig suchen.

Eine Bildergalerie mit weiteren Eindrücken von der re:publica steht unter der Creative Commons Lizenz by-nc-sa-2.0 auf Flickr bereit.

re:publica 2012: „Willkommen am Nerdpol“
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