Geheimdienste außer Kontrolle

Im digitalen Netz wird spioniert, was das Zeug hält. Erst „PRISM“, jetzt „Tempora“. Was Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger als „Alptraum à la Hollywood“ bezeichnete und der Kanzlerin nur ein „Das Internet ist für uns alle noch Neuland“ entlockte, erfüllt in der Tat die feuchten Träume eines jeden Verschwörungstheoretikers. Nie war das nebulöse „SIE sind unter uns. SIE beobachten uns. SIE wissen alles“ zutreffender als heute. Ein persönlicher Kommentar zur höchststaatlichen Datenschnüffelei.

Britische und amerikanische Geheimdienste interessieren sich offenbar brennend für unsere Kommunikation. Bild: Collage aus NSA und GCHQ Logo.

Britische und amerikanische Geheimdienste interessieren sich offenbar brennend für unsere Kommunikation. Bild: Collage aus NSA- und GCHQ-Logo.

Lassen wir uns die Details nochmal auf der Zunge zergehen: Das bis vor kurzem streng geheime US-Überwachungsprogramm „PRISM“ sollte die umfassende Überwachung von Personen innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten ermöglichen. Der kleine, aber feine Unterschied: Nicht verdächtige Personen wurden dabei überwacht, sondern flächendeckend alle Menschen, die im Netz unterwegs sind. Die NSA bekam ihre Daten dabei mehr oder weniger widerwillig von Unternehmen wie Microsoft, Google, Facebook, Yahoo!, Apple und anderen geliefert. Das britische Überwachungsprogramm „Tempora“ ging dabei offenbar noch weiter. Die Geheimdienstler zapften dabei den transatlantischen Datenverkehr direkt am Kabel an und konnten ungehindert den gesamten Daten- und Sprachverkehr mitlesen.

In der Öffentlichkeit versucht die Politik eine derartige Überwachung gerne als Schutz vor Terroranschlägen zu rechtfertigen. So tat es auch US-Präsident Obama bei seinem Besuch in Berlin, als Journalisten ihn auf „PRISM“ ansprachen. Doch längst ist klar: Die Überwachung ist außer Kontrolle geraten. Es geht nicht mehr nur um die frühzeitige Erkennung schwerster krimineller Handlungen. Neben dem ungerechtfertigten Eingriff in unser aller Privatsphäre wird mit solchen Projekten vor allem eines betrieben: Wirtschaftsspionage in großem Stil.

Erinnerungen an „Echelon“

Eigentlich hat man in der deutschen Wirtschaft eher Angst davor, von den Chinesen ausgehorcht zu werden. Doch offenbar sitzen die neugierigen Augen und Ohren auch direkt vor unserer Haustür.

Können Sie sich noch an „Echelon“ erinnern? Jahrelang gab es Gerüchte eines weltumspannenden Spionagenetzwerkes, das von den Geheimdiensten der USA, Großbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada betrieben wurde. Erst eine Untersuchung des europäischen Parlaments im Jahre 2001 stellte die Existenz von „Echelon“ als gesichert dar. Im Zuge dessen wurde eine amerikanische Abhörstation im bayerischen Bad Aibling im Jahr 2004 geschlossen. Der Vorwurf: Hier soll vor allem Wirtschaftsspionage gegen europäische Unternehmen betrieben worden sein.

Diesmal war es kein Parlament, sondern ein junger Idealist, der die Werte von Freiheit und Demokratie verraten sah und „Prism“ und „Tempora“ öffentlich machte. Der Whistleblower Edward Snowden, ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes NSA, brachte den Stein ins Rollen. Für seine Offenheit zahlt er einen hohen Preis. Ausgerechnet Staaten wie China, Russland oder Ecuador, allesamt nicht gerade für Presse-, Meinungsfreiheit und Demokratie bekannt, bieten Snowden nun einigermaßen Schutz vor dem Zugriff der US-Justiz.

Machen wir uns also nichts vor. Es sind längst nicht nur die Chinesen, die auf unsere Daten schielen. Auch unsere engsten Partnerstaaten hören fleißig mit. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt es als „Big-Data-Angriff auf die Bevölkerung eines befreundeten Landes„.

Mehr Sensibilität ist gefragt

Jetzt ist die Politik gefragt, zu handeln. Einfach nur von „Neuland“ zu sprechen, ist eine erschreckend anteilnahmslose Reaktion. Ungefähr so wirksam wie ein Alu-Hut. Doch was können wir selber jetzt tun? Sollen wir mit den Achseln zucken und weiter machen wie bisher? Frei nach dem Motto „Daran können wir ja eh nichts ändern“?

Hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Aber wir können den Geheimdiensten zumindest das Leben schwerer machen, indem wir mehr Sensibilität beim Umgang mit unseren Daten an den Tag legen: Das fängt schon damit an, sensible Daten nicht auf ausländischen Servern abzulegen, bei denen Sie nicht wissen, wer sonst noch Zugriff hat. Dann: Wenn etwas vertraulich bleiben soll, gehört es verschlüsselt. Das ist vielleicht lästig, sollten Ihnen aber Ihre Privatsphäre oder Unternehmens-Geheimnisse wert sein.

Mehr Sicherheit gibt es dabei schon kostenlos mit OpenSource Lösungen wie GnuPG (PGP-Verschlüsselung für E-Mails) oder TrueCrypt für Dateien und Ordner. OpenSource Produkte haben die Vorteil, dass der Quellcode offen liegt und heimliche Hintertüren, wie sie in kommerzieller Software vorkommen können, nicht lange unerkannt blieben. Und wenn Sie auf Dienste wie GoogleDrive oder Dropbox trotzdem nicht verzichten wollen, nutzen Sie zumindest BoxCryptor.

Eigentlich überflüssig zu sagen: Vertrauliche Informationen gehören auf keinen Fall über Soziale Netze kommuniziert. Egal wie sehr Sie dort den Leserkreis einschränken. Und last but not least: Ändern Sie regelmäßig ihre Passwörter!

Die Regierungen werden es schwer haben, das verlorene Vertrauen der Menschen zurück zu gewinnen.

Update 04.07.
Spiegel Online hat heute eine allgemein verständliche Anleitung zum Verschlüsseln von E-Mails via PGP mit dem Mailprogramm Thunderbird veröffentlicht. „Schutz gegen Internet-Spione: So verschlüsseln Sie ihre E-Mails

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    Thomas sagt:

    Keiner wusste es und natürlich hat es auch keiner geahnt.
    Terrorangst und Minderwertigkeitsgefühle sind offensichtlich immer mehr der Antrieb der amerikanischen Gesellschaft.
    Ich setze einmal voraus, dass Gesellschaften von Politikern und deren staatlichen Organisationen in einer Demokratie vertreten werden.

    Nachdem Menschen an den Grenzen der USA, obwohl ich manchmal denke es müßte inzwischen USB heissen, behandelt werden als ob jeder ein Terrorist wäre, nimmt man es mit der Privatsphäre der „Nicht“-USA Bürger auch nicht mehr ernst. Wieso auch, es meckert keine Regierung, Engländer und andere machen gerne mit und die deutsche Regierung freut sich, dass sie ohne Aufwände detaillierte Informationen bekommt, die sie selbst nicht speichern dürfte. Nach der Entdeckung des bayrischen „Bundestrojaner“ muss doch eigentlich jedem klar sein in welche Richtung die deutschen Politiker gehen möchte.

    Wo sind jetzt die Steinbrücks, Trittins, Piraten und wo sind die Menschen die hier leben und eigentlich aufschreien müßten? Ja, dann doch lieber ein wenig mehr über „Drosselkom“ sprechen.

    Übrigens, in Schweden war George Orwell schon 2008 ein Thema. Wer spricht heute noch darüber… Schweden! Die harmlosen und immer lustigen Menschen im Norden Europas ;)

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Schweden-will-Internetverkehr-mit-dem-Ausland-ueberwachen-212548.html

    und noch eines für die Amerikanisten unter uns:

    Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.
    Benjamin Franklin

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      Arne sagt:

      Schön, dass es doch noch Menschen gibt die in der Lage sind erstzunehmende Kommentare auf Veröffentlichungen abzugeben!

      Es ist doch nicht neu, dass spioniert wird. Das Omnivore, danach Carnivore/DCS-1000 System und danach Etherpeek wurde vom FBI bereits in den frühen 90ern eingeführt und auch von unserer damaligen Bundesregierung an unseren Knotenpunkten geduldet.

      Was wirklich bedenklich ist, wie von Thomas angeführt, ist doch die stark selektive Wahrnehmung dieser Problematik in den Medien und sog. Social-Networks die offensichtlich für viele Nutzer das „Selbst-Denken“ noch weiter erschweren. Wenn Provider ihre Investitionen schützen und Geld verdienen wollen, was sich in einer freien Marktwirtschaft selbst regulieren sollte, wird dies auf einmal zum Politikum. Gleichzeitig legitimieren die Nutzer großer „Social-Networks“ den Verkauf Ihrer persönlichen Daten und Chatprotokolle.

      Die Art und Weise wie Menschen in diesen Strukturen mit Informationen und persönlichen Daten bzw. deren Schutz umgehen mach mir wirklich Sorgen, aber wahrscheinlich ist dies nach über 20 Jahren Internetanschlüssen für Privatkunden immer noch Neuland.

      Um mich Thomas anzuschließen, ein weiteres amerikanisches Zitat:

      Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst.
      Abraham Lincoln

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    Warumduscher sagt:

    Ein schöner Beitrag. Ich habe ihn auch bei mir im Blog erwähnt:
    http://www.warumduscher.com/2013/07/ed-snowden-ein-held-gegen-die-stasi.html

    Da ich nicht im offiziellen QSC-Blog geschrieben habe, durfte ich auch etwas plakativer werden als Dennis Knake. Ebenfalls fand ich das hier von Thomas aufgeführte Zitat von Benjamin Franklin sehr passend und habe es eingebaut.

    So wie meine Vorkommentatoren Arne und Thomas finde ich es gut, dass hier im QSC-Blog ein gesellschaftliches Netzthema angesprochen wird. Natürlich ist der Beitrag journalistisch korrekt als persönlicher Kommentar gekennzeichnet.

    Es gehört schon Mut dazu (oder als buzzword: corporate social responsibility), in einem Unternehmensblog so ein heißes Thema anzusprechen. Den Überwachungsstaat-Hardlinern gefällt nämlich schon die öffentliche Diskussion nicht. Und diese sitzen immerhin auch in den Aufsichtsbehörden für die TK-Branche – oder haben einen „guten Draht“ zu ihnen. Die Schlapphüte verweisen in der Regel darauf, dass man das Thema blos nicht offen erwähnen sollte, damit sie ihre Arbeit im Dienste unserer Sicherheit erwähnen leisten können. Im übrigen seien allein sie kompetent genug, die relevanten Informationen vertraulich zu sammeln, einzuordnen, auszuwerten und damit Straftaten zu verhindern.

    Wer bei der Abkürzung NSA den letzten Buchstaben durch ein U ersetzt, wird sofort wissen, dass das sowas schon gründlich schieflaufen kann. Erst durch die öffentliche Debatte sind mehr als 5 Geheimdienstchefs zurückgetreten ( http://goo.gl/nuVE1).

    Es ist gut, dass nun öffentlich über außer Kontrolle geratene Geheimdienste diskutiert wird.

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