Klaus Manhart
Publiziert am 31. März 2014 von unter:

Die Gretchenfrage beim Mobile Enterprise: App oder mobile Website?

Foto: "Mobile Apps (application software) on the Nexus 4" - Copyright © 2014 Android Open Source Project.Ein Mobile Enterprise braucht auf die jeweilige Klientel zugeschnittene Mobil-Anwendungen. Die sollten möglichst einfach und nicht auf Mitarbeiter beschränkt sein, sondern auch Kunden, Lieferanten und Partner bedienen. Die Gretchenfrage dabei ist: App oder mobile Website? Beide haben Vor- und Nachteile.

In den meisten Unternehmen ist die Ausstattung mobil arbeitender Mitarbeiter mit Smart Devices heutzutage Standard. „Bei der Erschließung des Nutzenpotentials dieser Geräte besteht jedoch häufig noch Luft nach oben“, hieß es bei der Vorstellung der IDC-Studie Enterprise Mobility in Deutschland 2013: „Der Druck auf die IT-Abteilungen, mehr Unternehmensanwendungen für mobile Endgeräte bereitzustellen, ist groß.“

Mobile Anwendungen bilden aus IDC-Sicht künftig eine kritische Erfolgskomponente für die Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen in den Betrieben. Einige Unternehmen haben zwar die Experimentierphase schon hinter sich gelassen und nutzen bereits erste mobile Anwendungen jenseits von E-Mail und Kalender. Aber im Sinne einer ganzheitlichen Enterprise-Mobility-Strategie stehen die meisten Firmen und Organisationen noch am Anfang, so IDC.

Bisher nur wenige mobile Anwendungen für Mitarbeiter und Kunden

Die zögerliche Bereitstellung mobiler Anwendungen ist allerdings auch nicht weiter erstaunlich. Denn erstens müssen die Applikationen auf die spezifischen Nutzergruppen zugeschnitten sein. Ein Kunde erwartet anderes als ein Außendienstmitarbeiter. Und zweitens und vielleicht noch wichtiger: Die Applikationen müssen die mobilen Rahmenbedingungen berücksichtigen.

Schließlich möchte kein Vertriebsmitarbeiter von unterwegs auf seinem Mini-Bildschirm im klassischen CRM-System herumstochern, um die Maske für die Eingabe der Kundendaten zu finden. Mobile Anwender sind es gewohnt, E-Mails mit dem Daumen zu verfassen und Bilder mit zwei Fingern groß zu ziehen. Das müssen auch Enterprise-Anwendungen erlauben. Gerade bei älteren Applikationen, für die eine Bedienbarkeit im Sinne von Web 2.0 nicht möglich erscheint, muss eine Alternative zur mobilen Nutzung geschaffen werden.

App oder mobile Website? Beides hat Vor- und Nachteile.

App oder mobile Website? Beides hat Vor- und Nachteile. Im Bild links sieht man Amazon per App. Rechts: So sieht die Amazon-Website aus, wenn man sie ohne App auf dem Smartphone aufruft.

 

Grundsätzlich können mobile Anwendungen als Apps oder mobile Websites bereitgestellt werden. Beide Konzepte sind jedem Smartphone-Nutzer geläufig: Apps, die kleinen Programme, die heute auf jedem Mobil-Device vorinstalliert sind, bieten gezielt eine ganz bestimmte Funktionalität an – zum Beispiel Zugriff auf soziale Netze, das aktuelle Wetter oder einfache Textverarbeitung.

Mobile Websites hingegen arbeiten browserbasiert, sie unterscheiden sich kaum von normalen Websites, die Inhalte und Nutzerführung sind aber auf die kleinen Bildschirme der Mobilgeräte optimiert. Für Unternehmen haben beide Konzepte ihre Vor- und Nachteile.

Apps sind auf das jeweilige Mobilgerät optimiert

Beginnen wir mit den Apps. Deren wichtigster Pluspunkt: Apps sind optimiert auf das jeweilige Mobilgerät und dort bestens integriert. Apps nutzen die Funktionalitäten des Endgeräts voll aus und bieten einfache und exklusive Zugriffsmöglichkeiten. Hinzu kommen eine sehr hohe Geschwindigkeit und die simple Bedienung – ideal um ohne viel Know-how und Aufwand Mobilinhalte nutzen zu können. Sie realiseren fast perfekt die drei Regeln für die Bedienung mobiler Anwendungen: Einfachheit, Einfachheit und Einfachheit.

Apps müssen allerdings erst relativ aufwändig programmiert und installiert werden – sieht man von den herstellerseitig programmierten und vorinstallierten ab. Das kann für Unternehmen teuer werden, müssen diese doch – zumindest wenn sie Apps für Kunden anbieten – für alle möglichen Endgeräte entwickeln: Apple, Google, Windows, Blackberry.

Kundenbezogene Aktivitäten dominieren mobile Websites. Quelle: BITKOM.

Bei kundenbezogenen Aktivitäten dominieren mobile Websites. Quelle: BITKOM.

 

Mobile Websites sind günstiger zu programmieren

Den Nachteil des großen Entwicklungsaufwands haben mobile Websites nicht. „Die Anpassung einer Website zu einer Mobile Website ist meist günstiger als eine App zu programmieren und später sind Updates jederzeit ohne Zulassungsprozess eines App-Stores möglich“, schreibt Frank Lang, Managing Director von Goldbach Mobile, in einem Blogbeitrag: „Zudem können Suchmaschinen die Mobile Websites finden.“

Ein weiterer Vorteil: Der Nutzer kann sie von jedem internetfähigen Endgerät abrufen, ohne wie bei einer App etwas herunterladen zu müssen. Mit mobilen Webseiten lassen sich Inhalte flexibler als mit Apps transportieren. Auch komplexere Prozesse können abgebildet werden, weil die tatsächliche Anwendungslogik auf den Servern des Unternehmens verbleibt. Viele existierende betriebswirtschaftliche Anwendungsprogramme können sich per Browser von unterwegs einwählen.

Gerade im Unternehmenseinsatz kann das wichtig sein. Sind beispielsweise Updates oder neue Funktionen einzuführen, bedarf es nur der Änderung auf dem Webserver bzw. dem Backend. Alle Nutzer haben direkt nach dem erneuten Aufrufen der mobilen Webseite Zugriff auf die neuen Inhalte, Funktionen oder Sicherheits-Updates.

Bei unternehmensinternen B2B-Anwendungen haben mobile Websites die Nase vorn. Quelle: BITKOM.

Bei unternehmensinternen B2B-Anwendungen haben mobile Websites die Nase vorn. Quelle: BITKOM.

 

Die Mischung macht’s?

Und wie sieht’s in der Realität aus? Was bevorzugen Kunden, was Mitarbeiter? Eine Studie des Branchenverbands BITKOM gibt hier Auskunft: Danach sind fast drei Viertel der Befragten der Meinung, dass sich Apps in den nächsten Jahren bei Verbrauchern breit durchsetzen werden. Nur 22 Prozent sehen mobile Websites und sonstige browserbasierte Anwendungen vorne.

Die App bietet im Kundenbereich den Vorteil des einfachen und exklusiven, kundenbindenden Zugriffs. Die prominente Platzierung auf dem Homescreen des Kunden fällt diesem täglich mehrmals unbewusst ins Auge. Durch eine App kann die Interaktion und somit die Kundenbindung um ein Vielfaches gesteigert werden. Dies führt statistisch zu deutlich mehr Interaktionen mit dem Hersteller, als dies mit einer Website der Fall ist.

Im Markt für Geschäfte zwischen Unternehmen (B2B) und der Mitarbeiter-Interaktion ergibt sich in der BITKOM-Studie jedoch ein umgekehrtes Bild: Hier erwarten 61 Prozent der befragten Experten eine Dominanz mobiler Lösungen wie spezieller Websites. Nur halb so viele Befragte (31 Prozent) erwarten, dass sich auch im Unternehmensumfeld Apps durchsetzen werden.

Deshalb präferieren, so BITKOM, viele Unternehmen – besonders im Mitarbeitersegment – mobile Websites. Künftig dürften diese, so der Branchenverband,  jedoch allgemein auch bei kundenbezogenen Aktivitäten an Bedeutung zunehmen. Dass Apps im Kundensegment so eine große Rolle spielen, sei bis dato auf die Mängel mobiler Websites zurückzuführen.

Aufgrund aktueller Entwicklungen und Standardisierungen wie bei HTML5 seien jedoch inzwischen die Nachteile webbasierter Mobilanwendungen im Vergleich zu Apps beseitigt worden. Für BITKOM haben deshalb in naher Zukunft grundsätzlich mobile Websites die besseren Karten. „Native Anwendungen (=Apps) werden sicherlich mittelfristig weiterhin eine große Rolle spielen“, heißt es im BITKOM-Leitfaden „Apps und Mobile“. „Ihre Vorteile gegenüber ihren webbasierten Gegenstücken beim Zugriff auf Gerätefunktionen und bei der Performance werden aber mit der Zeit schwinden.“

 

App oder mobile Website? Beides hat Vor- und Nachteile.

Wann eignen sich Apps, wann mobile Websites? Die Antworten von Entwicklern und Anwendern. Quelle: BITKOM.

 

Invasion der Apps

Diese Position stößt nicht überall auf Gegenliebe. Mobile-Website-Entwicklung auf Basis von HTML 5 hat nicht ganz die Erwartungen erfüllt, die man sich erhoffte. Für die Experton Group sind Apps deshalb ganz klar die Gewinner. Sie sind – auch im reinen Unternehmens-Umfeld – im Vorteil vor mobilen Websites, die auf HTML5 basieren. In einem kürzlich veröffentlichten Newsletter schreibt Wolfgang Schwab, Analyst bei der Experton Group:

„Auch wenn das Urteil offiziell vielleicht nicht veröffentlicht wurde, steht die Antwort auf die Frage ‚Apps oder HTML5‘ schon lange, und der Gewinner sind die Apps. HTML5 ist inzwischen so ausgereift, dass eine konsistente visuelle Darstellung leicht auf praktisch alle mobilen Plattformen ausgeweitet werden kann. Doch leider überwiegen Mängel, was die geräteseitigen Speichermöglichkeiten, die Personalisierung und die Nutzerflexibilität angeht, die Einheitlichkeit in der Entwicklung und der Benutzeroberfläche. In diesem Jahr wird die betriebssystemspezifische App-Entwicklung gegenüber der mobilen HTML5-Entwicklung die Nase weit vorn haben. Die Nutzer wollen reichhaltigere, stärker personalisierte mobile Erfahrungen, als HTML5 das bieten kann, und die Investitionsentscheidungen der IT-Verantwortlichen sollten dem Rechnung tragen.“

Und was den Entwicklungsaufwand betrifft, gilt es für Schwab, „Toolsets auszuwählen, die höchstmögliche Unternehmensvernetzung und möglichst viele unterschiedliche mobile Plattformen zulassen. Es sollte auf Entwicklungs-Suites gesetzt werden, die angesichts zunehmender Backend Services, wachsender Nutzeranforderungen und immer größerer Apps verstärkt auf wiederverwendbarer Logik aufbauen.“

 

Wie kommt die App zum Anwender?

Natürlich müssen Apps nicht unbedingt selbst entwickelt werden. Manchen Unternehmen genügen auf dem Markt erhältliche Standard-Apps. Laut der Citrix-Studie Mobility in Business setzt etwas mehr als die Hälfte (Deutschland: 55 Prozent, weltweit: 50 Prozent) der IT-Verantwortlichen bei mobilen Apps auf eine Mischung aus Eigenentwicklungen und kommerziell verfügbaren Angeboten, während 20 Prozent (in Deutschland, weltweit: 25 Prozent) auf In-House-Lösungen komplett verzichten. Etwa ein Fünftel (Deutschland: 19 Prozent, weltweit: 17 Prozent) wollen laut der Studie allerdings sicherheitshalber nur intern entwickelte Apps zulassen.

Bleibt das Problem, wie denn die Apps an den Mitarbeiter beziehungsweise Kunden kommen – was sich bei mobilen Websites ja nicht stellt. Die Verbreitung eigener Apps über öffentliche App-Stores wie den Apple App Store, Google Play Store, Blackberry World oder den Windows Store unterliegt immer dem Zertifizierungsprozess des jeweiligen Anbieters, was viele Unternehmen bei Eigenentwicklungen nicht wollen.

Am häufigsten stellen Unternehmen Apps mittels interner App-Stores und Mobile-Device-Managament-(MDM)-Tools bereit, hat die IDC-Studie Enterprise Mobility in Deutschland 2013 herausgefunden. Der Vorteil: Die Apps müssen so nicht den Weg über die öffentlichen App-Stores nehmen und sind vom Zertifizierungsprozess ausgenommen – können von Nutzern aber dennoch über einen Enterprise-App-Store installiert werden.

Für den ersten Fall, den Vertrieb über einen unternehmenseigenen App-Store, gibt es eine Reihe von Anbietern, die individuell angepasste Store-Lösungen entwickeln. Diese Lösungen sind oft mit einem MDM verknüpft, das eine umfassende Administration von Anwendungen und Geräten ermöglich. Im zweiten Fall, beim Deployment über MDM-Tools, werden Apps direkt über das von Apple zur Verfügung gestellte Enterprise Agreement oder den Google Play Private Channel per MDM von einem Administrator auf die firmeneigenen mobilen Endgeräte installiert.

Allerdings zeigen die Aussagen der befragten Fachbereichsentscheider, dass diese App-Portale von vielen Angestellten nicht genutzt werden. Mehr als die Hälfte der befragten Mitarbeiter (56 Prozent) stellt eine klassische Anfrage an die IT-Abteilung, um Anwendungen auf ihr Smartphone oder Tablet-PC zu bekommen. Die bloße Einführung einer App-Plattform ist somit nicht ausreichend. Vielmehr muss auch auf eine Veränderung in der Verhaltensweise der Mitarbeiter hingewirkt werden.

Lesen Sie zu diesem Thema auch auf dem QSC-Blog:

… und den neuen Flyer von QSC über Enterprise Mobility

Teaser- und Beitrags-Foto: „Mobile Apps (application software) on the Nexus 4“ – Copyright © 2014 Android Open Source Project.

Die Gretchenfrage beim Mobile Enterprise: App oder mobile Website?
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