Arbeitswelt im Umbruch: Von „9 to 5“ zu Home Office?

Laptop and paperwork on balcony table --- Image by © Ocean/Corbis

Schöne Aussichten: Mit Laptop auf der Dachterrasse arbeiten zu können, ist einer der Vorteile von Home-Office. Technologien für eine moderne Arbeitswelt machen es möglich. Foto: © 237/Tom Merton/Ocean/Corbis.

Die Vorzüge von Home-Office sind schon so oft beschrieben worden. Durch neue Technologien etwa aus der Cloud steht der moderne Arbeitsplatz  – Neudeutsch: Digital Workplace – überall und jederzeit zur Verfügung und macht es möglich, woanders genauso gut zu arbeiten wie am Schreibtisch in der Firma. Und trotzdem wird diese Möglichkeit von den meisten Unternehmen und – selbst, wo es möglich wäre – von der Mehrzahl der Mitarbeiter nicht genutzt. Also frage ich mich: Wieso gehen wir fast alle noch jeden Tag „9 to 5“ ins Büro?

Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind immer im Flur unseres Hauses stand, wenn ich meine Freunde anrufen wollte. Meine Hausaufgaben erledigte ich – durchaus nicht ungewöhnlich – auf dem Boden in meinem Zimmer. Es gab eben feste Orte für Kommunikation oder die Lösung von Problemstellungen:

  • Im Flur stand das Telefon, dort gab es eine unsichtbare Blase – mit einem Radius, der genau der Länge der Telefonschnur entsprach – in der Kommunikation mit entfernten Menschen möglich war. Und zwar nur dort!
  • Wenn ich ein Referat vorbereiten musste, wäre ich nie auf die Idee gekommen, all die Bücher zur Vorbereitung und meine Zettelwirtschaft nach draußen zu schleppen! Viel zu schwer und der Wind hätte nur noch mehr Unordnung in meine Unterlagen gebracht.
  • Für schriftliche Kommunikation war der Gang zum Postamt obligatorisch.
  • Für die meisten Einkäufe musste ich in die Stadt fahren.
  • Und wollte ich meine Freunde sehen, war es klar: Ich musste sie besuchen.

Heute sitze ich in einem Zug, Laptop und Telefon vor mir und schreibe diesen Text. Meine Kommunikationsblase hat nur noch den Radius meiner Armlänge, wandert dafür aber immer mit mir mit. Ich habe Zugriff auf mehr Informationen, als ich in Hunderten von Leben lesen könnte. Alles in diesem kleinen, schwarzen Ding vor mir. Ich kann in jeder Form von hier aus kommunizieren, per Text, Sprache oder sogar Video. Ich könnte auch von hier aus einkaufen oder klären, ob Freunde heute Abend Zeit haben.

Bürotätigkeiten nicht mehr an feste Orte und Zeiten gebunden

Genauso wie der Zusammenhang zwischen Ort und Tätigkeit löst sich auch die Bindung an feste Zeiten immer mehr auf. Oder haben Sie noch nie kurz nach Mitternacht einen Spontankauf bei Amazon getätigt?

Aber die Frage bleibt: Wieso gehen die meisten von uns dann noch fünf Mal die Woche zu einem Bürogebäude, um dort ihren Job zu machen?

Sicherlich spielt dabei eine wichtige Rolle, dass die Erbringung von Arbeit gegen Lohn seit dem 19. Jahrhundert an einen festen Ort gebunden war: Dort, wo der Hochofen stand, musste auch der Stahlgießer sein. Dort, wo der Webstuhl stand die Weberin. Der Bergmann fuhr zur Kohle in den Schacht, da er von seinem heimischen Küchentisch schwerlich an die Flöze herankam.

Es bestand ein logischer Zusammenhang zwischen Tätigkeit und Ort, weil die Maschinen, mit denen Arbeit erbracht wurde, groß, schwer und teuer waren. Und weil man Teil einer Produktionskette war, in der ein greifbares, an diesem Ort befindliches Produkt erschaffen wurde. Es konnte nur an diesem bestimmten Ort erzeugt werden. Und auch die Zeit, die ein Mitarbeiter an diesem Ort verbrachte, stand in direkter Relation zu der Anzahl der produzierten Güter. Dieses Bild der Arbeitserbringung ist tief in uns verankert.

Alte Arbeitsstrukturen tief in uns verankert

Heute sind die meisten Arbeitnehmer keine Stahlgießer mehr, keine Weberinnen oder Bergmänner. Heute werden in den westlichen Ländern immer weniger greifbare Güter produziert.

Viele von uns sitzen vor kleinen Universalmaschinen, so klein, dass man sie tragen kann. Wir produzieren immer mehr immaterielle Güter. Dabei sind wir durchaus Teil einer Produktionskette. Aber aus den von uns erzeugten Einzelteilen wird meist eine Dienstleistung, die anderen Unternehmen oder Menschen einen Mehrwert bietet.

Natürlich gibt es auch heute noch Berufe, bei denen Ort und Tätigkeit verbunden sind. Der Feuerwehrmann sollte durchaus an derselben Stelle wie das Feuer sein. Aber ich spreche von den Millionen Menschen, die ihre Arbeit vor einem Computer verrichten.

  • Wieso fahren sie täglich teilweise eine Stunde oder länger zu einem Ort, um dort andere Menschen zu treffen, die auch alle extra anreisen, um dann eine Tätigkeit zu erbringen, die heute überall erbracht werden könnte?
  • Für Aliens aus dem Weltall, die uns beobachten, muss es echt lustig aussehen: Millionen Menschen tragen ihre Laptops tagtäglich von zu Hause ins Büro, arbeiten dort eine Weile damit und tragen sie dann wieder zurück.

Home Office ist nicht für jeden geeignet

Weshalb das so ist? Einerseits ist es aus Sicht des Mitarbeiters durchaus legitim, Arbeit und Privates strickt zu trennen. Einigen fällt es vielleicht auch schwer, in einer sonst privaten Umgebung gedanklich komplett bei der Arbeit zu sein, sich nicht ablenken zu lassen. Wir müssen ja auch nicht ins gegenteilige Extrem verfallen und alle nur noch von zu Hause arbeiten. Home Office ist eben nicht für jeden geeignet.

Andererseits nehmen es die meisten Unternehmer gerne an, dass der Mitarbeiter in einem Anflug von Kreativität oder Genialität abends zu Hause noch die Präsentation fertig macht oder die Lösung für eine schwierige Anforderung niederschreibt.

Die Kehrseite derselben Medaille, dass der Mitarbeiter dann auch mal früher aus dem Büro geht oder seine Arbeitsleistung im Rahmen einer Home-Office-Regelung erbringt, lehnen viele Unternehmen aber noch immer ab.

Und dies liegt an dem über Jahrhunderte geprägtem Bild von Arbeit. Sie findet an einem durch den Arbeitgeber bestimmten Ort statt und der Chef hat seine Mitarbeiter immer im Blick. Sollte aber nicht besser jeder dort arbeiten, wo er das Maximum leisten kann?

Neue Freiheiten durch Desktop-Sharing, Videokonferenzen und mobiles Arbeiten

Die Welt hat sich verändert: Wir sind überall erreichbar und können von überall auf unsere Mails und Dateien zugreifen. Falls ich einen Kollegen sehen will, starte ich eine Videokonferenz und zur gemeinsamen Arbeit an einem Dokument nutze ich Desktop-Sharing.

Die meisten Tätigkeiten sind auch nicht mehr zeitgebunden. Es gibt eine Deadline – sicher. Aber ob die Arbeit zur Erfüllung der Aufgabe „9 to 5“ im Büro erbracht wird, ist dem Kunden egal. Schließlich zahlt er in der Regel für die Arbeitsergebnisse und nicht dafür, dass alle Mitarbeiter während der Bürozeiten in der Firma sind.

Chancen des Digital Workplace nutzen

Durch die Möglichkeiten und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts müssen wir unser berufliches und privates Leben zunehmend flexibel planen und organisieren. Warum dann die Möglichkeiten nicht nutzen und unsere Arbeit so offen und frei gestalten, dass sie jedem ermöglicht, sein Bestes zu geben – egal an welchem Ort, egal zu welcher Zeit?

Wir haben uns von so vielen Selbstverständlichkeiten gelöst und so viel Neues als selbstverständlich akzeptiert. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir alle, als Mitarbeiter, Vorgesetzte oder Kollegen, uns auf diese Chance einlassen.

 

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    Max sagt:

    Hey,

    ich finde das es ein sehr schöner Artikel ist. Ich habe selbst ein Home Office und muss sagen, dass ich bei einigen Punkten echt übereinstimme. Zum perfekten Home Office muss meiner Meinung nach auch ein Office Laptop. Hier habe ich ein Tipp: Sucht euch ein Office Laptop mit einer SSD und einem guten Prozessor. Das ist das A und O!

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    Anton Schreier sagt:

    Hallo Nils,

    super Artikel. Bin über einen Link darauf gestoßen. Ich selbst bin ab nächster Woche ebenfalls im Home Office. Jedoch auch ab und zu unterwegs zu Kundenterminen. Ich habe dazu ein neues mini Notebook und zusätzliche ein mobilen Wlan Router für unterwegs erhalten. Dieser darf bei der Ausstattung nicht fehlen!

    Gruß und guten Rutsch!

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