Die neuen Heimwerker: Der Siegeszug des Crowdworkings

Menschenmenge

Titelbild: © PHOTOCREO Michal Bednarek/Shutterstock.com

Immer mehr Unternehmen spalten ihre Arbeit in kleine Projekte auf und vergeben die Aufgaben an Freie. Vor allem IT-Firmen profitieren vom Wissen des digitalen Schwarms. Crowdworking – von den Licht- und Schattenseiten eines neuen Trends.

Eines vorweg: Den klassischen Crowdworker gibt es nicht. Mal geht es darum, einen Text zu schreiben oder Statistiken zu recherchieren, mal darum, neue Geräte zu testen, Datenmengen zu verarbeiten oder eine Optik für eine Werbekampagne zu entwerfen. Heißt: Freiberufliche Crowdworker erledigen heute viele Aufgaben, die aufgrund ihrer Komplexität oder als Teil einer unternehmerischen Kernkompetenz noch vor kurzem ausschließlich Festangestellten vorbehalten waren. Crowdworker ergattern ihre befristeten Jobs über Crowdworking-Plattformen und bekommen dafür ein Honorar.

Laut Thomas Klebe, Leiter des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht, gibt es weltweit rund 2.300 solcher Plattformen; 65 davon in Deutschland. Der Deutsche Crowdsourcing Verband schätzt, dass es in Deutschland rund 750.000 Klickarbeiter gibt. Bei Jovoto bieten 80.000 Menschen ihre Fähigkeiten an, bei Clickworker sind es mehr als 700.000. Tendenz? Steigend. Denn: „Die notwendige Agilität lässt sich von den Unternehmen ohne externe Unterstützung kaum noch erfolgreich umsetzen“, urteilt eine Studie von Pierre Audoin Consultants und Hays. 73 Prozent der befragten Unternehmen wollen die Möglichkeit des Wissenstransfers durch externe Mitarbeiter nutzen oder tun dies bereits.

Ohne Cloud kein Crowdworking

Moderne Virtualisierungslösungen haben diese neue Form der Zusammenarbeit erst ermöglicht. Wenn sich Crowdworker aus aller Welt in zeitlich befristeten Projekten mit Firmenmitarbeitern zusammentun, brauchen sie dafür einen gemeinsamen Ort: die Cloud. Hinzu kommt eine veränderte Einstellung zum Job – vor allem bei jungen Wissensarbeitern der IT- und TK-Branche. 83 Prozent der deutschen Informatik-Studierenden können es sich laut einer Untersuchung der Hochschule Ludwigshafen vorstellen, auf die Sicherheit einer Festanstellung zu verzichten und stattdessen freiberuflich zu arbeiten.

Die IT-Spezialisten können sich den Traum von der großen Freiheit leisten: Ihre Expertise ist auf dem Markt stark nachgefragt – und anders als das Gros der Crowdworker werden sie für ihre befristete Unterstützung gut bezahlt. In Technologieunternehmen sollen schon heute laut der Ludwigshafener Studie mehr als 20 Prozent der Mitarbeiter gar keine sein – sondern Solisten, häufig aus der Crowd. Ihr besonderer Wert: Sie sind in ihrem Fachbereich hoch spezialisiert.

Wissen günstig und flexibel einkaufen

Erst wenn Menschen länger als zweieinhalb Jahre für das Unternehmen im Einsatz sind, lohnt es sich laut der Studie, sie fest anzustellen. Aber oft sind es gar nicht die materiellen Gründe, warum Unternehmen aufs Crowdworking setzen: Sie können auf den Plattformen aus einem riesigen Wissens- und Kompetenzpool die besten Talente herausfischen. Schnell und flexibel – und nur dann, wenn das spezifische Know-how gerade gebraucht wird. Experten sprechen hier von „Workforce as a Service“.

Die Zusammenarbeit mit Externen macht Unternehmen in der Regel produktiver: Häufig lassen sich Prozesse beschleunigen, wenn die Unternehmen ihre Aufgaben in kleine Pakete aufteilen und sie dann parallel bearbeiten lassen. Crowdworking ist ein Modell der Zukunft, weil sich Arbeitsinhalte immer schneller ändern und Unternehmen heute oft nicht wissen, welche Kompetenzen sie übermorgen brauchen. In den USA spricht man daher von der „gig economy“, in der Arbeitnehmer kein festes Gehalt mehr beziehen, sondern eine „Gage“ für einen kurzen Einsatz.

Und was schätzen die Crowdworker selbst an dieser Arbeitsform? Selbstbestimmung und Flexibilität. Crowdworking-Portale bieten ihnen den Zugang zu innovativen Projekten – und damit viel Abwechslung und einen hohen Freiheitsgrad. Ein weiteres Plus: die Möglichkeit, sich auf den Plattformen mit anderen auszutauschen.

Alle machen mit

Die Aussicht, jederzeit echte Cracks auf spezialisierten Marktplätzen rekrutieren zu können, ist für viele Unternehmen verlockend. „So gut wie jedes Unternehmen, das ich kenne, hat schon mal auf einer Crowdsourcing-Plattform etwas ausgeschrieben. Fast alle experimentieren damit. Crowdworking ist eine neue Art der Arbeitsorganisation, die radikale Veränderungen für die Wirtschaft bedeuten kann“, sagte der Wirtschaftsinformatiker Jan Marco Leimeister, Professor an der Universität St. Gallen, in der Zeit. Microsoft, Facebook, Amazon und Coca-Cola sind genauso Kunden von Crowdworking-Plattformen wie Audi, Bertelsmann und die Deutsche Bank. Der Nivea-Hersteller Beiersdorf hat eine eigene Open-Innovation-Plattform namens Pearlfinder installiert, und arbeitet dort mit Freelancern, Instituten, Start-ups und Universitäten zusammen.

Risiken und Nebenwirkungen des Crowdworkings

Die Digitalisierung verändert die Arbeitskultur – und das birgt auch Gefahren. Unternehmen, die ihre Projekte von der digitalen Schwarmintelligenz bearbeiten lassen, geben ein Stück Kontrolle über das Projekt ab. Das Risiko, dass internes Firmenwissen in der großen Netzgemeinde geteilt wird, besteht. Und häufig müssen Unternehmensvertreter enorm viel Zeit aufbringen, um ein Projekt detailliert zu beschreiben. Zeit, die man sich bei den eigenen Mitarbeitern häufig sparen könnte.

Hinzu kommt: Wer Projekte teilweise nach außen verlagert, muss mit dem Unmut der eigenen Belegschaft rechnen. Tobias Kämpf vom Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) schreibt in der Computerwoche von einer „Disruption der Arbeitsmärkte“ durch Crowdworking und Crowdsourcing. Im Netz werben Firmen Fachkräfte an, „die wie in einem Spiel für den Job gegeneinander antreten. Motto dieser ‚Gamification‘: Hauptsache, es macht Spaß, auch wenn man nicht zum Zuge kommt.“ Kämpf warnt: „Wenn dies zur Regel wird und darüber das Arbeitsrecht zur Disposition gestellt wird, verschieben sich die Kräfteverhältnisse in der Arbeitswelt grundlegend.“

Rechts-Vakuum für Klickarbeiter

Die neue Form der Zusammenarbeit steht in der Kritik, weil es an rechtlichen Rahmenbedingungen fehlt – und das Crowdworking in vielen Fällen zudem schlecht entlohnt wird. Denn nicht bei allen Aufträgen gibt es ein fest vereinbartes Honorar. In etlichen Bereichen – zum Beispiel im Grafikdesign – pitchen die Freien um einen Auftrag. Bezahlt wird nach diesem Wettstreit nur der, dessen Entwurf oder Lösung dem Auftraggeber am besten gefällt.

Dem selbstbestimmten Arbeiten steht die Unsicherheit gegenüber, nie zu wissen, wie viele Aufträge in den nächsten Tagen oder Wochen tatsächlich bezahlt werden. Wissenschaft, Politik und Gewerkschaften haben das rechtliche Vakuum erkannt und den Ball aufgenommen. Arnold Picot, Professor für Betriebswirtschaft in München, sorgt sich in der Computerwoche, dass ein „Heer digitaler Tagelöhner“ entstehe. „Das wirft die Frage nach Mindestlöhnen auf.“ Auch das Arbeitsministerium beschäftigt sich inzwischen mit den Crowdworkern und deren Absicherung. Und mit der Frage, was es für den Sozialstaat bedeutet, wenn es künftig immer weniger klassische Angestellte gibt, die ihn am Leben erhalten.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Digitales-Wirtschaftswunder.de, dem Themenblog der QSC AG

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