QSC-Vorstand Udo Faulhaber: „Der Mittelstand ist viel digitaler als sein Ruf“

Behäbig, ignorant, ideenlos: In Sachen Digitalisierung bezieht der Mittelstand regelmäßig und pauschal verbale Prügel. Zu Unrecht! Aus der Erfahrung zahlreicher Gespräche mit mittelständischen Unternehmern rate ich zu mehr Gelassenheit. Wir müssen dem Mut und der Kreativität des Mittelstands vertrauen.

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Udo Faulhaber, Vertriebsvorstand der QSC AG. Foto: QSC AG.

Stehen auf Ihrer Playlist immer die gleichen Songs? Wahrscheinlich nicht. Auch ich mag lieber Abwechslung. Vermutlich stören mich deshalb die Klagelieder über die angebliche Zurückhaltung des Mittelstands beim Thema Digitalisierung so sehr.

Soziale wie Fachmedien singen die seit Monaten im Chor. Ich fürchte, aus dem Veränderungshype wird allmählich Hysterie. Und was macht der gescholtene Mittelstand derweil? Der digitalisiert sich. Nicht laut und mit Trommelwirbel, aber stetig.

Mittelstand digitalisiert sich längst

Zugegeben: Anders als die Manager vieler großer Konzerne machen die meisten Mittelständler beim Silicon-Valley-Tourismus nicht mit. Und auch ihren Krawattenknoten binden die Chefs dieser Unternehmen morgens noch mit großer Selbstverständlichkeit.

Aber: Bei der ersten deutschen Marktstudie zur Digitalisierung in mittelständischen Familienunternehmen haben wir gemeinsam mit Crisp Research herausgefunden, dass viele Firmen mitten in der Transformationsphase stecken. Jedes zweite befragte Unternehmen sieht in der Digitalisierung einen strategischen Imperativ.

Das Thema hat klassische betriebswirtschaftliche Fragen damit auf die Plätze verwiesen. Ich bin sehr froh und wirklich erleichtert, dass damit eines deutlich wird: Das Gros der Unternehmen lässt sich von der Hysterie rund um das Thema Digitalisierung nicht anstecken.

Diese Gelassenheit ist keineswegs selbstverständlich. Denn wenn sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen so stark ändern wie jetzt und in absehbarer Zukunft, brauchen die Manager und ihre Mitarbeiter schon jede Menge Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken, um nicht in Angst, Schockstarre oder hektischen Aktionismus zu verfallen. Gefragt sind stattdessen Orientierung und strategischer Überblick, wie ihn der Leitfaden Digitalisierung für den Mittelstand bietet, den wir gemeinsam mit Crisp Research und der EuroCloud Deutschland herausgegeben haben.

Gute Ausgangsposition dank Automatisierung

Hinzu kommt: Die Ruhe entspringt weder Ignoranz gegenüber der Bedeutung des Themas noch Zurückhaltung aus Bequemlichkeit – die Behutsamkeit, mit der sich viele Mittelständler beim Thema Digitale Transformation vortasten, ist wohl überlegt. Zurecht. Denn für ihr starkes Selbstvertrauen haben die Unternehmen gute Gründe: Deutschland hat einen traditionell starken industriellen Kern, um den uns viele andere Länder beneiden.

Dass es uns wirtschaftlich so gut geht, haben wir vor allem dem starken Mittelstand zu verdanken. Unsere Mittelständler spielen in ihrer Branche seit Jahren in der Weltspitze mit. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zählt 1.600 Hidden Champions sogar zu den Weltmarktführern. Bei der Automatisierung und Sensorik, wichtigen Teilbereichen der Digitalisierung, sind deutsche Unternehmen nach Aussage des Zentralverbands für Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) laut elektroniknet.de ebenfalls weit vorn. Die Praxis zeigt: Nach ganz oben schafft man es nicht mit Schlafmützigkeit. Sondern nur mit unternehmerischem Mut, Know-how und Kreativität.

Diese Eigenschaften stellen die Unternehmen derzeit beim digitalen Umbau unter Beweis. Denn sie gehen konsequent ans Eingemachte. Mit deutscher Präzision und Gründlichkeit. Sie bauen ihre Wertschöpfungsketten und Prozesse um, modernisieren ihre komplette interne IT, bereiten ihre Mitarbeiter auf die Welt 4.0 vor. Kurz: Sie verbinden ihre traditionellen Stärken mit neuen Technologien und Geschäftsmodellen.

Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Ein Umbau ist immer komplizierter als der Neubau auf der grünen Wiese. Mit einer Idee als Startup an den Start zu gehen, ist einfacher, als ein traditionelles Unternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten digital zu transformieren.

Mehr Geduld, bitte!

Deshalb geht der Mittelstand Schritt für Schritt vor. Das ist völlig in Ordnung. Er verlagert zum Beispiel Infrastruktur und Software in die Cloud, führt neue Formen der Zusammenarbeit ein, schafft eine andere Unternehmenskultur.

Die Unternehmen, mit denen ich zu tun habe, sind offen für Neues, gehen längst neue Partnerschaften mit Startups und Spezialisten wie der QSC AG ein, um von ihnen zu lernen und sich die Chancen der Digitalisierung zu erschließen. Manchmal wundere ich mich, dass viele Digital-Experten überall Angst vor Veränderung vermuten, während ich beim Gros der Familienunternehmen Neugier und Schaffenskraft entdecke.

Selbstverständlich sieht der Mittelstand die Risiken, die sich mit der Digitalisierung verbinden. Aber er sucht konsequent nach Wegen, um die Gefahren zu verkleinern, und freut sich auf die Chancen, die sich mit der Digitalisierung verbinden.

Ohnehin trübt meiner Meinung nach der verklärte Blick über den Atlantik bisweilen die Sicht auf die eigenen Stärken: So hat die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) den amerikanischen Vorsprung in der Untersuchung „Industry 4.0 Race – Time to Accelerate“ vor wenigen Monaten mehr als relativiert.

BCG befragte rund 600 Vorstände und Führungskräfte von großen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland und den USA. Ergebnis: 20 Prozent der befragten deutschen Unternehmen haben erste Industrie 4.0-Maßnahmen umgesetzt, teilweise handelt es sich sogar um ausgereifte Konzepte – da hinken die USA mit 16 Prozent noch hinterher. Fast die Hälfte der deutschen Unternehmen verfügt über Konzepte für die digitale Transformation, rund 70 Prozent der amerikanischen Manager wissen dagegen noch nicht so genau, wie sie ihr Unternehmen digitalisieren können.

Fazit: Wir haben allen Grund zu mehr Gelassenheit. Und für mehr Zutrauen in die Transformationskraft deutscher Unternehmen im Mittelstand.

 

 

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