Zwischenruf im Echoraum! Ist Home-Office out?

Logo: PACIBM ruft in den USA hunderte Marketing-Mitarbeiter zurück in die Zentrale – und schon sehen Auguren wie Brita Seidel den „Home-Office-Trend“ für beendet. Man kann aber auch andere Schlüsse ziehen.

An dieser Stelle empfehlen und kommentieren Analysten von PAC regelmäßig Web-Beiträge exklusiv für die Leser von Digitales-Wirtschaftswunder.de. Heute im Fokus: „Das Home-Office ist tot – es lebe das Büro!“ von Brita Seidel, Geschäftsführung rise Personalberatung.

Home-Office macht dumm!?

Der Beitrag der Personalberaterin Brita Seidel steht stellvertretend für viele Kommentare, die seit der Rücknahme der Home-Office-Regelung für hundete IBM-Marketing-Mitarbeiter im Netz kursieren. Die „Home-Office-Skeptiker“ fühlen sich bestätigt, die Diskussion um dieses Thema ist neu entfacht.

Und auch der Tenor von Frau Seidels Artikel ist eindeutig: Home-Office mache bequem – eine Bequemlichkeit, die sich Unternehmen im digitalen Zeitalter nicht mehr leisten können. Tatsächlich schreibt sie: „Wer im Home-Office arbeitet, hat seine Ruhe […] Und genau in dieser Ruhe liegt Tücke. Bequemlichkeit macht dumm. Nicht nur Sie und mich, sogar ganze Unternehmen.“

Als Alternative zum Home-Office schwärmt Frau Seidel von den neuen Bürowelten bei IBM, Facebook, Amazon & Co, die als „riesige Zentralen der Zusammenarbeit“ gestaltet seien – womit ein „Tribut an die digitale Revolution“ entrichtet werde. Mit Pathos verkündet sie zum Schluss: „Wer das verstanden hat, hat gute Chancen, ganz vorne mitzuspielen“.

Puhhh…Home-Office-Regelungen machen dumm und werden durch neue fantastische Bürolandschaften abgelöst. Mehr undifferenzierte Schwarz/Weiß-Malerei lässt sich kaum in einen Blog-Beitrag packen.

Ich spare mir die Mühe, Argumente wie „Home-Office macht bequem“ zu widerlegen. Aber ich empfehle Frau Seidel einmal an multiplen Projekten in einem technisch gut ausgestatteten Home-Office zu arbeiten. Ruhe? Von wegen! Die Zeiten, in denen die Scheu vor der Technik, die Kollegen, Partner und Kunden vom Skypen abhielt, sind lange vorbei. Und ob es tatsächlich so innovationsförderlich ist, das ohnehin exzessive Pendeln von Mitarbeitern in die überfüllten Großstädte noch zu forcieren, sei dahingestellt.

 

Home-Office ist eine Option, über die Mitarbeiter frei entscheiden sollten

Klar ist: Home-Office ist kein Heilsbringer – sondern eine Option, die für manche Tätigkeiten und Situationen sicher weniger gut geeignet ist als für andere. Wer als Einsteiger erst mal Fimenatmosphäre schnuppern will oder als Softwareentwickler oder kreativer Marketier an einem „Sprint“ beteiligt ist, sollte dies besser nicht vom Home-Office aus tun.

Und klar ist auch: Neue Bürowelten – wenn gut gestaltet – bieten im Vergleich zu klassischen Büroumgebungen wesentliche Vorteile mit Blick auf  die Unterstützung der Zusammenarbeit, ebenso wie auf eine effiziente Raumnutzung. Ob sie nun wirklich als Innovationstempel taugen, hängt von verschiedenen Faktoren ab – sie sind eben nur eine weitere Option mit vielen Vor- und einigen Nachteilen.

Gut ist, dass diese vielfältigen Optionen heute zur Verfügung stehen – und die Mitarbeiter nicht mehr wie im Industriezeitalter ihr Arbeitsleben in Maschinenräumen fristen müssen. Welche der Optionen für sie bzw. für die Erledigung ihrer jeweiligen Tätigkeit am Besten geeignet ist, wissen aber nur sie. Für einige mögen bunte Wände, Sofaecken und Tischkicker inspirierend wirken, andere empfinden sie als Ablenkung.  Und deshalb sollten – wenn irgendwie möglich – auch nur die Mitarbeiter bzw. ihre Teams über die Wahl der Arbeitsorte, -zeiten und -Werkzeuge entscheiden.

 

Abschaffung des Home-Office per Verordnung deutet auf Hilflosigkeit

Aus dieser Sicht wirkt die Abschaffung des Home-Office per Verordnung – gerade  durch einen Akteur, der sich Social Business groß auf die Fahne schreibt – ein Stück weit hilflos. Sie erinnert an die ebenso aufsehenerregende Zäsur bei Yahoo einige Jahre zuvor. Dass sich Yahoo – ob mit oder ohne Home-Office – nicht zum digitalen Superhelden aufschwingen konnte, lag aber nicht etwa an fehlenden „Zentralen der Zusammenarbeit“, sondern an einem eklatantem Führungsversagen. Ein Artikel von Ulrich Goldschmidt im manager magazin beschreibt dies sehr anschaulich.

Unbestritten ist, dass eine effektive Zusammenarbeit über räumliche Grenzen hinweg nur gedeihen kann, wenn das technische und organisatorische Umfeld stimmt. Mit Blick auf die virtuelle Zusammenarbeit, die im Zuge des Homeoffice-Trends noch zugenommen hat, sind die Führungskräfte in besonderem Maße gefordert. Hier sind Fingerspitzengefühl und situatives Führen gefragt, wie eine Analyse – die PAC im Auftrag von Citrix Online erstellte – zeigt. In einer funktionierenden Vertrauenskultur – in der Teams ein gemeinsames Ziel verfolgen und sich weitgehend selbst organisieren sowie Mitarbeiter intrinsisch motiviert sind – ist die Frage nach dem physischen Ort der Arbeit schließlich von untergeordneter Bedeutung.

Wenn aber wie bei Yahoo das Misstrauen dominiert, dann ist ein Scheitern der Home-Office-Regelung vorprogrammiert. Dann befinden wir uns in eben jener Spirale aus selbsterfüllenden Erwartungen, die ich in der Reihe „Psychologie des digitalen Wandels“ bereits ausführlich diskutierte. Anstatt zu hinterfragen, wo die Ursachen der ineffektiven Zusammenarbeit liegen, sehnt man sich zurück nach der guten alten Zeit, in der die Führungskräfte ihre „Schäfchen noch unter Kontrolle hatten“. Oder wie Ulrich Goldschmid treffend anmerkte: „Auf dem Weg zu Arbeit 4.0 hat Yahoo das Navigationssystem neu auf Arbeit 2.0 programmiert.“

Sicher herrscht bei IBM ein anderes Betriebsklima als bei Yahoo – und sicher wird es Gründe geben, die Homeoffice-Regelung hier ein Stück weit zu korrigieren. Nur sollte man sich hüten, die IBM-Maßnahme als zukunftsweisenden Trend zu deuten. Große Tanker sind eben etwas schwerfällig und lassen sich mitunter nicht so feinjustieren, wie es beim Thema „Home-Office“ notwendig wäre.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Digitales-Wirtschaftswunder.de, dem Themenblog der QSC AG

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