Zwischenruf im Echoraum: Mit New Work in die Selbstausbeutung?!

Puppet businesspeople

Bild: @istock.com/SergeyNivens

Mit „Selbstverwirklichung“ als Religion führt die Humanisierung der Arbeit zur grenzenlosen Selbstausbeutung und mündet in Erschöpfung. Ein Aufruf, die Ideologien der digitalen Wirtschaft und Grundfesten von New Work zu hinterfragen.

An dieser Stelle kommentiert Dr. Andreas Stiehler, der als freiberuflicher Analyst, Kolumnist und Berater u.a. für PAC tätig ist, regelmäßig Web-Beiträge exklusiv für die Leser von Digitales-Wirtschaftswunder.de. Heute im Fokus: „New Work – die schöne neue Arbeitswelt. Selbstausbeutung unter dem Deckmantel der Freiheit?“ , ein Beitrag von Inga Ketels.

Führt die schöne neue Arbeitswelt letztlich nur zu mehr Selbstausbeutung der Mitarbeiter? Mit diesem provokanten „Zwischenruf im Echoraum“ befeuert die Philosophin Inga Ketels derzeit die Diskussion um „New Work“ – so auch bei der 1. Unkonferenz von Priomy. Doch Inga Ketels provoziert nicht nur, sondern liefert auch stichhaltige Argumente – und veranlasste mich damit, meine eigenen Beiträge zur Modernisierung des Arbeitsumfelds noch einmal kritisch zu überdenken.

 

Freiheit für die Mitarbeiter als Gebot der Stunde

Schließlich gehöre ich ebenfalls zu den Auguren, die mit Blick auf den „Digital Workplace“ die Unternehmen regelmäßig dazu auffordern, ihre Mitarbeiter von den im Industriezeitalter angelegten Fesseln zu befreien und ihnen mehr Entscheidungsfreiheit zuzugestehen. Lasst die Mitarbeiter im Einklang mit ihren Teams selbst entscheiden, an welchen Orten, zu welchen Zeiten, mit welchen Technologien sie arbeiten wollen! Schließlich wissen sie in dem zunehmend komplexen Umfeld selbst am besten, wie sie ihren Job vernünftig erledigen.

„Customer Experience“ und „Employee Experience“ – so postulierte ich wiederholt – sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Google, Airbnb & Co. machen es bereits vor: Wer als Unternehmen Kunden beglücken möchte, braucht fähige und hochmotivierte Mitarbeiter – und sollte für ein entsprechendes Umfeld sorgen.

Im Kern stehe ich auch heute noch hinter diesen Aussagen. Allerdings frage ich mich nach der Diskussion mit Inga Ketels kritisch, was die für die Kundenbeglückung notwendige Zufriedenheit der Mitarbeiter wirklich ausmacht – und ob die Startups aus dem Silicon Valley tatsächlich als Vorbilder für die Einlösung dieses Versprechens taugen.

 

Selbstverwirklichung als Religion

Die Menschen – so lernte ich aus dem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ des Universalhistorikers Harari – nutzen Geschichten, an die sie gemeinsam glauben, als Kit für eine effektive Zusammenarbeit. Hararis These – die er in diesem Vortrag anschaulich darlegt – erklärt das Entstehen von Religionen oder Ideologien. Diese haben dann eine gute Chance sich durchzusetzen, wenn sie tragfähige Antworten auf aktuelle, mit dem technologischen Wandel verbundene Herausforderungen bieten.

Der „Trend zur Selbstverwirklichung“ ist aus meiner Sicht eine solch neue Religion, die perfekt in die digitale Wirtschaft zu passen scheint (und dem viele „New-Work“-Protagonisten heute aufsitzen). Das Heilsversprechen der Selbstverwirklichung – Glück durch persönliche Entfaltung – lässt sich schließlich mit den Mitteln der Digitalisierung perfekt instrumentalisieren.

Auf der einen Seite bietet es einen perfekten Hebel zur Steigerung des Konsums: Ob Auto, Wohnzimmertapete oder Schokolade – mittels Digitalisierung lassen sich nahezu alle Waren hochgradig individuell zuschneiden. Damit – so verspricht die Werbung – sammeln die Menschen neuartige Erfahrungen, die ihre Individualität noch unterstreichen.

Auf der anderen Seite taugt die Selbstverwirklichung wunderbar als Hebel beim Ringen um die heiß begehrten Fachkräfte. Die Unternehmen versprechen ein perfektes Umfeld, in dem die jungen Talente ihre Persönlichkeit ausleben sowie ihr Genie entfalten und unter Beweis stellen können. Alles ist erlaubt, man darf in der Arbeitszeit kickern, als digitaler Nomade von Bali aus arbeiten und zwischen zwei Kundengesprächen das Baby wickeln – Hauptsache, das Ergebnis stimmt und die Produktivität steigt.

 

Von der Selbstverwirklichung zur Selbstausbeutung

Auf den ersten Blick lässt sich diese Entwicklung begrüßen. Wenn Selbstverwirklichung und Wirtschaft Hand in Hand gehen – also alle mit der schönen neuen Arbeits- und Erlebniswelt glücklicher sind – warum nicht?! Aber lässt sich das mit der Selbstverwirklichung einhergehende Glücksversprechen tatsächlich einlösen? Wohin führt dieser Trend, der jeden von uns zum Unternehmer in eigener Person macht?

An dieser Stelle verweist Inga Ketels auf die Betrachtungen verschiedener kapitalismuskritischer Soziologen, Philosophen und Psychoanalytiker, die sich alle darin einig sind, dass die Selbstverwirklichung als Ideologie letztlich den Grad der Selbstausbeutung ins Unermessliche steigert.

Ein Zitat von Byung-Chul Han bringt deren Gedanken auf den Punkt: „Heute findet eine Selbstausbeutung statt – ich beute mich aus in der Illusion, dass ich mich verwirkliche.“

Der Berliner Philosoph sieht in der Selbstverwirklichung eine neoliberale Ideologie: „Neoliberalismus bezeichnet den Zustand der heutigen Gesellschaft sehr gut, denn es geht um die Ausbeutung der Freiheit. Das System will immer produktiver werden, und so schaltet es von der Fremdausbeutung auf die Selbstausbeutung, weil dies mehr Effizienz und mehr Produktivität generiert, alles unter dem Deckmantel der Freiheit.“

 

 

Agilität, Kreativität, Eigenverantwortung – die neue Peitsche

Nun könnte man dagegen einwenden: Ausbeutung hin oder her – wichtig ist, dass es den Menschen besser dabei geht. Aber tut es das wirklich? So positiv wie die Begriffe „Agilität“ und „Kreativität“ heute (noch) besetzt sind, bezeichnen sie letztlich doch nur Parameter eines sich verschärfenden Wettbewerbs, in dem die Mitarbeiter zunehmend auf sich allein gestellt sind.

Viele Manager verweisen in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit zu „Eigenverantwortung“ – ebenfalls ein (noch) positiv besetzter Begriff, der zur Grenzüberschreitung einlädt. Die Ergebnisse der Hays-Wissensarbeiter-Studie, die ich vor einigen Wochen für Digitales Wirtschaftswunder diskutierte, unterstreichen dies.

Vor allem die hippen Vorreiterunternehmen der New-Work-Bewegung (darunter auch einige, die sich beim Priomy-Event präsentierten), bauen heute vorwiegend auf Mitarbeiter, die sich als Unternehmer begreifen. Fragt man diese, was mit den „Anderen“ passiert, entsteht zumeist peinliches Schweigen. Die „Digitale Katerstimmung“, die ich zu Beginn dieses Jahres skizzierte, kommt nicht von ungefähr.

 

Verbreitetes Unbehagen bei Generation Y

In gleichem Zuge zeigen sich viele New-Work-Protagonisten befremdet oder entsetzt, dass bei der viel gerühmten „Generation Y“ das Unternehmer-Gen nicht so ausgeprägt ist wie ursprünglich erwartet oder erhofft. Hier ein Artikel zu einer empirischen Studie, die ebenfalls auf der Priomy-Konferenz vorgestellt und dort kontrovers diskutiert wurde. Dessen Titel „Generation (A)ngst – mit ihr haben wir nicht gerechnet!“ spricht für sich.

Doch vielleicht rührt der Ruf der „Generation Y“ nach festen Strukturen und geregelten Arbeitszeiten gar nicht so sehr (wie im Artikel diskutiert) auf deren Verhätschelung. Vielleicht – so hinterfragt Inga Ketels – macht sich bei den heute 25-Jährigen, eben weil sie mit der digitalen Welt aufgewachsen sind, das Unbehagen mit dem System nur früher breit.

 

New Work sorgt für erschöpfte Menschen

Ein Zitat von Slavoj Žižek („Die Tücke des Subjekts“) – ein weiterer „Star“ unter den kapitalismuskritischen Philosophen, auf den Inga Ketels beim Workshop verwies – verdeutlicht, wohin die Entwicklung aus psychoanalytischer Perspektive führt: „Wenn man dafür bezahlt wird, seinem Hobby nachzugehen, dann folgt daraus ein Druck des Über-Ichs, der unvergleichlich stärker ist als der Druck, den die gute alte „protestantische Arbeitsethik“ auferlegt.“ Kurz gesagt: Keiner kann die Peitsche stärker schwingen als die Selbstverwirklicher selbst.

Žižek weiter: „Darin liegt das unerträgliche Paradox dieser postmodernen ‚De-Entfremdung‘: Die Spannung zwischen meinen innersten idiosynkratischen, kreativen Impulsen und der Institution, die diese nicht schätzt oder sie sogar unterdrücken will, um mich zu ‚normalisieren‘, besteht nicht mehr.“ Mit anderen Worten: Die alte Ordnung – hier Unternehmer, dort Mitarbeiter – mit all ihren Normen (40 Stunden Arbeit pro Woche gegen vereinbarten Lohn) und Fesseln (Anwesenheitspflicht etc.) wird aufgebrochen. An deren Stelle rückt die vermeintliche „Humanisierung“ („De-Entfremdung“) der schönen neuen Arbeitswelt.

 

New Work als Steigbügelhalter eines ausufernden Neoliberalismus?

Der Neoliberalismus – so das Credo von Byung-Chul Han, Slavoj Žižek und weiteren kritischen Köpfen – bemächtigt sich der Psyche der Menschen und macht sich deren unterbewusste Wünsche und Triebe zur Steigerung von Konsum und Produktivität zu Nutze. Er hinterlässt die Menschen, ja die ganze Gesellschaft in einem Erschöpfungszustand. An dieser Stelle endet der Vortrag von Inga Ketels, die Diskussion darf beginnen.

Und diese Diskussion muss m. E. geführt werden – gerade unter den New-Work-Evangelisten! Mich selbst ließen ihre Ausführungen beunruhigt zurück. Bin ich als Befürworter neuer, besser am Menschen angepasster Arbeitsumgebungen letztlich doch nur ein Steigbügelhalter eines ausufernden Neoliberalismus. Können wir uns dem Hamsterrad entziehen? Bleibt die „Selbstverwirklichung“ die dominierende Ideologie der digitalen Wirtschaft?

 

(M)eine optimistische Perspektive: Die Resonanz ist entscheidend!

Tatsächlich halte ich den Selbstverwirklichungswahn als Ideologie für die digitale Wirtschaft dauerhaft nicht für tragfähig. Denn er führt nicht zum Glück, sondern zur Erschöpfung. Bis dahin teile ich die Einschätzung der im Artikel angeführten Philosophen. Zugleich bin ich optimistisch, dass die Menschen diesen Trugschluss über kurz oder lang realisieren – und sich von dieser Ideologie abwenden. Damit entsteht Raum für alternative Geschichten (im Sinne Hararis), die dabei helfen, die Zusammenarbeit in liberalen Gesellschaften (einschließlich der Unternehmen) zu organisieren.

Eine solche Geschichte liefert beispielsweise der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa mit seinem Werk „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ bzw. „des guten Lebens“. Die Idee dahinter: Auf unserer Suche nach Glück versuchen wir die Erreichbarkeit der Welt immer mehr auszuweiten, häufen Geld, Bildung und Erfahrungen an – und landen so letztlich in der Beschleunigungsfalle. Doch ein „gutes Leben“ setzt resonante Beziehungen voraus, in denen wir wahrgenommen werden, im System mitschwingen und uns dabei wirksam fühlen. Sprich: Unsere Beziehungsqualität, d. h. ob und wie wir Resonanz erfahren (und nicht der Grad der Selbstentfaltung) entscheidet über unsere empfundene Lebensqualität und unsere Motivation.

 

 

Ich bin zuversichtlich, dass angesichts der zunehmenden Erschöpfung der Menschen ein Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft stattfindet – und die „Resonanzfähigkeit“ im Sinne Hartmut Rosas (oder eine vergleichbare Idee) zum Maßstab im Wettbewerb um Kunden und Mitarbeiter wird. Torsten Breden, Geschäftsführer von fibonacci & friends, dessen Beitrag zur resonanzbasierten Führung ich im Rahmen dieser Kolumne bereits diskutierte, sagte mir neulich im Gespräch: „In einer vollständig digitalisierten Welt ist die Beziehungspflege das Einzige, was noch Mehrwert schafft.“ Recht hat er!

Denn wenn in naher Zukunft alle Welt dank künstlicher Intelligenz und digitaler Werkzeuge in der Lage ist, die kurzfristigen Bedürfnisse der Kunden optimal zu bedienen – dann wollen diese immer noch als Menschen wahrgenommen werden und Resonanz erfahren. Genau hierfür aber bedarf es auf der anderen Seite motivierter Mitarbeiter, die sich in ihrem Unternehmen gleichermaßen aufgehoben und wirksam fühlen – und keiner ausgebrannten Selbstverwirklicher.

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Digitales-Wirtschaftswunder.de, dem Themenblog der QSC AG

Zwischenruf im Echoraum: Mit New Work in die Selbstausbeutung?!
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