Droht uns bald das Ende von Call-by-Call und Preselection?

Wer, wie QSC, am Telefonie-Geschäft beteiligt ist, hat auch immer mit Regulierungsfragen zu tun. Dafür ist in Deutschland vor allem die Bundesnetzagentur zuständig. Oft redet dabei auch die EU-Kommission mit. Nach ihrer Auffassung bedarf es nicht mehr der Verpflichtung, Sparvorwahlen – sogenanntes Call-by-Call oder Preselection – anbieten zu müssen. Sollte dies auch auf Deutschland angewendet werden, kämen auf viele Telefonkunden hohe Kosten zu.

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Sparvorwahlen in Gefahr: Wenn Call-by-Call und Preselection entfallen, kommen hohe Kosten auf die Kunden zu. Bild: © iStock.com / weerapatkiapdumrong

Neben der Pünktlichkeit zählt sicher die Sparsamkeit zu einer der deutschen Tugenden. Kein Wunder, dass die sogenannte Sparvorwahl – im Fachjargon Call-by-Call – immer noch so beliebt ist.

Wer kennt es nicht? Für den Anruf zum Geburtstag der Tante in Frankreich sucht man sich entweder am Wochenende aus der Zeitung oder im Internet auf Plattformen wie billiger-telefonieren.de eine günstige 010er-Rufnummer heraus, wählt diese vor der eigentlichen Rufnummer und zahlt flugs statt zum Beispiel 2,9 Cent pro Minute bei der Deutschen Telekom weniger als einen Cent pro Minute.

Noch drastischer ist es, wenn man Verwandtschaft in Bosnien, Albanien oder Vietnam hat. Die regulären Preise der Telekom liegen hier bei 19, 49 beziehungsweise sogar 99 Cent die Minute. Wie praktisch ist es da, durch die Vorwahl einer 010er-Rufnummer die Kosten signifikant zu senken und pro Minute für das Telefonat zum Onkel in Vietnam nur noch 2,49 Cent die Minute zu zahlen? Die 97 Prozent Ersparnis lassen sich besser für Sinnvolleres ausgeben.

 

Mehr Wettbewerb und günstige Konditionen

Doch wie kam es eigentlich dazu, dass Telekom-Anschlusskunden die Möglichkeit haben, ihre Kosten durch Call-by-Call zu optimieren? 1998 entschied der Gesetzgeber, dass die Marktmacht des ehemals staatlichen Unternehmens Telekom auf dem Endkundenmarkt für Telefonanschlüsse reduziert werden müsste. Als Mittel fand man die Verpflichtung der Telekom, ihren Kunden die Nutzung einer Sparvorwahl im Einzelfall (Call-by-Call) oder sogar die Einrichtung einer dauerhaften Sparvorwahl (Preselection) zu ermöglichen.

  • Call-by-Call: Hier wählt der Kunde bekanntermaßen eine 010er-Rufnummer vor, so dass sein Anruf über das Netz des ausgewählten Verbindungsnetzbetreibers statt über die Telekom geroutet wird. Das Entgelt für diese Verbindung wird über die Telekom-Rechnung des Kunden abgerechnet. Für den Endkunden stellt sich Call-by-Call wie oben geschildert damit als sehr einfache und effiziente Möglichkeit dar, seine Telefongebühren zu senken.
  • Preselection: Hierbei entscheidet sich der Kunde für eine dauerhafte Voreinstellung eines anderen Verbindungsnetzbetreibers als die Telekom. Diese Variante ist einerseits bei privaten Endkunden beliebt, die keinen Flattarif der Telekom haben und somit ihre Verbindungskosten optimieren wollen. Andererseits nutzen auch Geschäftskunden Preselection – als Option ihres Telefonproviders, der in ihrer Region zwar kein eigenes Anschlussnetz hat, damit aber doch ein alternatives Telefonieangebot machen kann.

Die Verpflichtung der Telekom, Call-by-Call und Preselection anbieten zu müssen, hatte einen weiteren positiven Effekt: Die Telekom senkte ihre eigenen Preise ab, um im Wettbewerb mit den Call-by-Call-Anbietern zumindest annähernd konkurrieren zu können. Ein Vergleich mit anderen Festnetzanbietern wie 1&1 zeigt, dass die Preise dort für Anrufe ins Ausland zum Teil deutlich höher sind. So kostet ein Anruf bei 1&1 nach Europa 69 Cent bzw. 99 Cent, ins übrige Ausland sind es sogar 1,89 Euro (außer USA und Kanada). Bei Telefonica würden die Anrufe nach Ägypten und Vietnam 59,9 Cent bzw. sogar 1,29 Euro  kosten.

 

Sparvorwahlen sind nach wie vor beliebt

Auch wenn die Nutzung von Call-by-Call und auch Preselection durch die zunehmende Verbreitung von Flattarifen einen Rückgang erfahren hat, so ist die Sparvorwahl dennoch ungebrochen beliebt. Vier Milliarden Minuten werden jährlich über Call-by-Call telefoniert. Gerade Kunden mit Migrationshintergrund nutzen verstärkt die Sprachvorwahl, um ihre Familien im Ausland anzurufen. Dabei ist zu beachten, dass es sich bei den Zielländern oft nicht um die günstigen europäischen Nachbarstaaten handelt, sondern eben um deutlich teurere Länder wie Tunesien, Marokko, Irak oder Länder in Südostasien.

Wenn man bedenkt, dass ein Anruf nach Thailand über den regulären Telekomtarif 200mal teurer ist als beim günstigsten Call-by-Call-Anbieter, verwundert es nicht weiter, dass das Interesse an und die Inanspruchnahme von Call-by-Call weiterhin hoch ist.

Preisvorteile für Privatkunden durch Call-by-Call und Preselection. Abbildung: © Dialog Consult.

Preisvorteile für Privatkunden durch Call-by-Call und Preselection: 1,5 Milliarden Euro beträgt das theoretische Einsparpotenzial, wenn alle Mobilfunk- und Auslandstelefonate von privaten Telekom-Festnetzanschlüssen über Call-by-Call oder Preselection geführt würden. Abbildung: © Dialog Consult.

Die Anrufe gehen aber nicht nur in ausländische Netze, sondern vor allem auch ins Mobilfunknetz. Denn selbst wenn die Flatrate für das deutsche Festnetz fast nahezu Standard ist, so sind inkludierte Mobilfunkflatrates doch eher noch die Ausnahme. Auch hier liegen die Einsparpotentiale bei weit über 100 Prozent pro Verbindung.

Die Studie von Dialog Consult „Zusatzanalysen Vorteile von Betreiber(vor)auswahl-Angeboten für Privatkunden aus ökonomischer Sicht“  vom vorigen Jahr ergab, dass – wenn 2016 alle Verbindungen über Call-by-Call statt über die Telekom geführt worden wären – eine Ersparnis von 1,5 Milliarden Euro erzielt worden wäre (siehe Abbildung).

 

Die Marktregulierung auf dem Endkundenmarkt für Telefonanschlüsse soll abgeschafft werden

Doch nun droht uns ein Ende von Call-by-Call und auch Preselection. Die Europäische Kommission hat mit ihrer Märkteempfehlung 2014 die Märkte vorgelegt, die ihrer Ansicht nach noch reguliert werden müssen, da kein funktionierender Wettbewerb vorhanden sei. Der Endkundenmarkt für Telefonanschlüsse, der noch in der Märkteempfehlung 2007 als Markt 1 gelistet war, findet sich nun nicht mehr darunter. Die Europäische Kommission ist der Ansicht, dass auf dem Endkundenmarkt für Telefonanschlüsse Wettbewerb herrscht und es so keiner den Wettbewerb fördernden Maßnahmen wie der Verpflichtung zu Call-by-Call und Preselection mehr bedarf.

Demgegenüber hat die Bundesnetzagentur den Markt 1 (2007) dieses Jahr aufs Neue untersucht und in ihrem ersten Entwurf einer Marktanalyse und -definition festgestellt, dass die Telekom auch weiterhin marktmächtig ist. Damit hat sie sich bewusst für das Weiterbestehen von Call-by-Call zugunsten des Wettbewerbs und vor allem zugunsten der Endkunden eingesetzt.

Die EU-Kommission nun hat diesen Entwurf – im Hinblick auf ihre Feststellung, dass dieser Markt nicht mehr reguliert werden müsse – kritisiert, so dass die Bundesnetzagentur ihn erst mal zur erneuten Überarbeitung zurückgezogen hat.

 

Vectoring-Entscheidungen der Bundesnetzagentur stärken die Telekom

Aber selbst im Entwurf dieser nun zurückgezogenen Analyse hat die Bundesnetzagentur die Marktmacht der Telekom geringer dargestellt, als sie tatsächlich ist: Deutlich zu Unrecht hat sie sich dabei auf reine Telefonanschlüsse beschränkt und die Bündelangebote der Telekom – Festnetz und Internet in einem Paket – ausgeklammert. Dabei hat sie leider verkannt, dass die Marktmacht der Telekom auch bei Bündelangeboten ungebrochen ist und sich im Gegenteil in Zukunft sogar wieder zu verstärken scheint.

Ursachen hierfür sind die zwei Vectoring-Entscheidungen der Bundesnetzagentur:

  • Zum einen hat sie den VDSL-Ausbau in weiten Bereichen Deutschlands – vor allem im Nahbereich um einen Hauptverteiler – ausschließlich der Telekom zugesprochen. Aufgrund des zunehmenden Interesses der Endkunden an höheren Bandbreiten führt ein flächendeckenderes Angebot an VDSL-Anschlüssen auch zu einer höheren Kundenakquise.
  • Zum anderen hat die Behörde der Einführung von Super-Vectoring zum August dieses Jahres zugestimmt, obwohl die Parameter für das entsprechende Vorleistungsprodukt noch nicht finalisiert waren: Dadurch konnte die Telekom schon effektiver als andere Wettbewerber mit diesem Produkt an den Start gehen.

Auch die Möglichkeit, Festnetz und Mobilfunk aus einer Hand anzubieten, führt zu einer stärkeren Wettbewerbsposition.

 

Wirtschaftliche Mehrbelastung, wenn Call-by-Call und Preselection entfielen. Abbildung: © Dialog Consult.

Wirtschaftliche Mehrbelastung: Wenn Call-by-Call und Preselection entfielen, würde dies zu zusätzlichen Telefoniekosten von 200 bis 300 Millionen Euro pro Jahr führen. Abbildung: © Dialog Consult.

Keine gleichwertige Alternative für kostengünstige Telefonate in Sicht

Sollte die Bundesnetzagentur sich dem Willen der Kommission beugen und die Telekom nicht mehr zu Call-by-Call und Preselection verpflichten, wären die Folgen für die Kunden immens: Sie würden mit höheren Verbindungskosten von rund 200 bis 300 Millionen Euro pro Jahr belastet, wie ebenfalls Dialog Consult ermittelt hat (siehe Abbildung „Wirtschaftliche Mehrbelastung“).

Eine gleichwertige Alternative für kostengünstige Telefonate ins Ausland oder in Mobilfunknetze wird es nicht geben. Flatrates, die sämtliche Anrufe ins Ausland oder in sämtliche Mobilfunknetze abdecken, sind meist so teuer, dass sie nicht nur die bisherigen Kosten bei Nutzung von Call-by-Call, sondern auch das reelle Nutzungsverhalten übersteigen.

Auch die von der EU vorgesehene Möglichkeit, ab Mai 2019 für 19 Cent die Minute in alle europäischen Netze telefonieren zu können, hilft da wenig. Zum einen gehen die bisherigen Verbindungen über Call-by-Call hauptsächlich in Nicht-EU-Länder, zum anderen sind 19 Cent weit über dem, was bisher für Anrufe in diese Ziele bei Nutzung von Call-by-Call zu entrichten war.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesnetzagentur die EU-Kommission richtigerweise von der Notwendigkeit der weiteren Regulierung des Endkundenmarktes für Telefonie überzeugen kann und die Verbraucher weiter von den Einsparungen durch Call-by-Call und Preselection profitieren können. Denn sicher will niemand 200mal mehr als bisher für seine Anrufe zahlen.

 

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