Zwischenruf im Echoraum: Meditation zur digitalen Bildung?!

Meditation ist zunehmend gefragt, um in der digitalen Welt zu bestehen. Ihre ganze Kraft entfaltet sie aber nicht als Tool zur Selbstoptimierung, sondern bei der Verbesserung der Beziehungsqualität. Schon mit einfachen Übungen lässt sich ein besseres Miteinander im Unternehmen bewirken.

An dieser Stelle kommentiert Dr. Andreas Stiehler, der als freiberuflicher Analyst, Kolumnist und Berater u.a. für PAC tätig ist, regelmäßig Web-Beiträge exklusiv für die Leser des QSC Blog. Dieses Mal zu: „Digitale Ablenkung: Meditation als Selbstverteidigung durch die Nase“, verfasst von Christian Stöcker, Spiegel Online.

 

Meditation als Kernkompetenz für das 21. Jahrhundert?

Christian Stöcker gehört zu meinen Lieblingskolumnisten. Unter dem Markenzeichen „Der Rationalist“ verfasst der Kognitionspsychologe für Spiegel Online jeden Sonntag kurze Analysen, in denen er der Kraft des Faktischen in unserer hysterischen Debattenkultur zu Geltung verhilft. Mit dem in nachfolgendem Text besprochenen Kommentar lieferte er einen – wie ich meine – hervorragenden Beitrag zur aktuellen Debatte um „Digitale Kompetenz“.

Und nein: Es geht hier nicht um die vom Bund bereitgestellten Gelder für neue Laptops, der sich die Länder so erfolgreich verwehren. Es geht auch nicht darum, Programmiersprachen zur zweiten Muttersprache zu machen, wie Vertreter der Industrie im Verbund mit unserer Digital-Staatssekretärin ganz uneigennützig vorschlagen. Sondern es geht – jetzt bitte tief durchatmen – um Meditation.

Dabei bezieht sich Christian Stöcker ausgerechnet auf den Universalhistoriker Yuval Noah Harari, den von mir hochgeschätzten Autor von „Eine kleine Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus“. Diese Werke führen unseren Glauben an Religionen, einschließlich des Humanismus, ad absurdum und zugleich das Hamsterrad in Hinblick auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz und Biotechnologie klar vor Augen. In seinem neuesten Werk diskutiert Harari nun, aufbauend aus diesen Erkenntnissen, „21 Lektionen des 21. Jahrhunderts“. Und wie lautet die 21. Lektion?! Sie ahnen es: Meditation!

 

Die Distanz zu den eigenen Gedanken fördert ein kritisches Bewusstsein

Doch was bringt diese und viele weitere kluge, der Esoterik unverdächtige Köpfe dazu, sich verstärkt mit dem Thema Meditation auseinanderzusetzen? Christian Stöcker bringt es in seiner Analyse m. E. sehr gut auf den Punkt. Die Meditation lässt uns erkennen, dass wir unsere Gedanken und unser Handeln nur schwer in den Griff bekommen – und damit anfällig für Ablenkung und Manipulation sind. Die Digitalindustrie, so argumentiert er weiter, hat dies längst begriffen und nutzt diese Erkenntnis, um unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen und unser Handeln zu beeinflussen. Wer dies nicht glaube, solle sich bewusst machen, wie oft er täglich reflexhaft zum Smartphone greift.

Die mit dem Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen – so sein Credo – lassen sich nur eindämmen, wenn wir uns zunächst der Arbeit unseres Geistes bzw. unseres Kontrollverlusts beim Versuch, unser Denken zu richten, bewusst werden. Die von Christian Stöcker vorgeschlagene Übung – zehnmal nacheinander bewusst ein- und ausatmen, dabei versuchen die Aufmerksamkeit auf das Gefühl des Atmens zu fokussieren – helfe dabei, indem „sie ein wenig Distanz schafft zu unseren Gedanken und Gefühlen“.

 

Mit Meditation in die Selbstausbeutung?

Das Meditieren helfe darüber hinaus aber auch, unseren Geistesstrom ein wenig besser zu steuern – also bewusst einfach mal innezuhalten, den Pieps auf dem Bildschirm zu ignorieren und uns dem Hier und Jetzt zuzuwenden. Der Kommunikationspsychologe verweist in diesem Zusammenhang auf Harari, der in seinen „Lektionen für das 21. Jahrhundert“ mutmaßt, dass er die aufwendige und nervenaufreibende Arbeit seiner vorherigen Werke nur dank einer vierstündigen Meditation täglich bewältigen konnte.

Ob dies so stimmt, sei dahingestellt. Sicher gibt es auch andere kluge Köpfe, die beeindruckende Werke schufen und schaffen, ohne täglich über Stunden zu meditieren. Dennoch halte ich es für wahrscheinlich und auch erwiesen, dass Meditation die Fähigkeit zur Fokussierung und damit auch zur Leistungsfähigkeit steigert.

Gleichwohl ist mir bei diesem Gedanken auch unbehaglich zumute. Wie jede neue Technik oder Methode bietet eben auch die Meditation einen Hebel zur Selbstoptimierung – und damit (unter sonst gleichen Bedingungen) zu einer weiteren Selbstausbeutung der Menschen. Dies mag vielleicht nicht im Sinne der reinen Achtsamkeitslehre sein, die – wie viele vermeintliche oder echte Experten meinen – ja nichts will. Doch für uns Menschen ist es schwer, ja nahezu unmöglich, etwas ohne Ziel zu praktizieren.

 

Achtsamkeit bei SAP als Investitionsobjekt

Die Wirtschaft schon in den Startlöchern, um den Achtsamkeitstrend für sich zu nutzen. SAP beispielsweise hat die Position eines „Director Global Mindfulness Practice“ geschaffen und ernannte hierzu den Wirtschaftsingenieur Peter Bostelmann. Dieser, so erfährt man in einem sehr informativen und gleichermaßen kritischen Artikel bei Stern.de, hat eine Mission: die „stille Revolution in den Büros“. Bis Ende 2017 hätten bereits 6.000 Mitarbeiter des Konzerns ein zweitägiges Achtsamkeitstraining „Search Inside Yourself“ absolviert. Täglich fänden nun in Walldorf halbstündige Meditationsanleitungen statt.

Das Programm zeigt Wirkung, wie eine Befragung unter den Teilnehmern des Programms belege: Vier Wochen nach dem Kurs seien die Werte für „Wohlbefinden“ um 6,5, für „Fokussierung“ um 10 und für „Kreativität“ um 7,4 Prozentpunkte gestiegen, wogegen das persönliche Stressempfinden um 5 bis 6 Prozentpunkte nach unten ging. Eine zweite Befragung zeige zudem, dass sich diese Effekte im Zeitverlauf noch verstärkten.

Die Anleitung zur Meditation zahle sich damit auch wirtschaftlich aus – mit einem ROI von 200 Prozent, wie der SAP-Achtsamkeits-Chef errechnete. Zwar beteuert Peter Bostelmann, dass es hier nicht um eine „Effizienzsteigerung der Seele“ gehe, ein ungutes Gefühl bleibt dennoch. Ebenso betont der SAP-Betriebsrat, der dem Programm zustimmte, dass es nicht darum gehen dürfe, noch mehr aus den Leuten herauszuholen. Aber wer kann das kontrollieren? Wenn ein Kollege bessere Leistungen aufgrund der täglichen Meditation erbringt, dann fühlen sich die anderen gedrängt, es ihm nachzutun.

Und wenn sich ein Konzern die Achtsamkeit zunutze macht, dann fühlen sich andere Unternehmen auch dazu animiert. Und wenn schließlich ein Großteil der Unternehmen Achtsamkeit praktiziert, dann dürfte sich auch der Wettbewerb in diesem Feld verschärfen und der Druck auf die Mitarbeiter zunehmen. Immerhin sind diese – Dank Meditation – ja dann stressresistenter.

 

Innehalten für ein besseres Miteinander

Vor diesem Hintergrund halte ich es für richtig und wichtig, das Thema noch weiter zu denken. So bildet das „Innehalten“ und sich seiner selbst bewusst werden auch die Basis, um die Beziehungen zu unseren Mitmenschen besser zu gestalten und auf diesem Weg unser eigenes Lebensglück und das anderer Menschen zu erhöhen. Die Beratung fibonacci & friends spricht in diesem Zusammenhang – in Anlehnung an das Werk des Soziologen Hartmut Rosa – von Resonanz.

Zu Beginn dieses Jahres hatte ich an dieser Stelle bereits von dem Besuch eines „Inspiration Day“ bei fibonacci & friends berichtet. Um auf resonante Beziehungen oder Systeme hinzuwirken, so lernte ich dort, sollte man zunächst mit sich selbst ins Reine kommen und sich seiner eigenen mentalen Modelle bewusst werden (Selbstresonanz). Zwei einfache Übungen (unter vielen anderen), die wir an diesem Tag hierzu ausprobierten und von denen ich meine, dass sie unser tägliches Miteinander in den Unternehmen und darüber hinaus deutlich verbessern können, möchte ich Ihnen abschließend kurz vorstellen.

 

Reflective Journaling: Die eigenen Gefühle und Gedanken bewusst machen

Erste Übung: Halten Sie für eine Minute inne, nutzen Sie hierzu gerne die von Christian Stöcker vorgeschlagene Atemübung, und stellen Sie sich danach eine Sie bewegende Frage. Zum Beispiel: Was ist mir wichtig? Was will ich erreichen? Was stört mich? oder auch: Was kann ich konkret tun, damit sich etwas zum Besseren wandelt? Sie können sich die Frage ganz allgemein für ihr Leben oder in Hinblick auf einen speziellen Anlass stellen. Schreiben Sie nun, nachdem Sie innegehalten haben, alle Gedanken auf, die ihnen hierzu in den Sinn kommen – dies nacheinander und ohne Beachtung irgendwelcher stilistischer Regeln.

Diese Übung – so lernte ich später – nennt sich „Reflective Journaling“. Im Hinblick auf das Herstellen von Resonanz hilft sie uns unserer eigenen Gedanken und Gefühle bewusst zu werden. Für mich selbst vermerkte ich, dass sich im Ergebnis der Übung das Wirrwarr im Kopf auf diese Weise schnell lichtete, ein angenehmes Gefühl von Leere und Klarheit entstand – die besten Voraussetzungen also, um mit klarem Kopf in das nächste Meeting zu gehen. Und gegebenenfalls auch eine gute Praxis, um nach einer aufregenden Diskussion den Kopf wieder frei zu bekommen und zur Ruhe zu kommen.

Es steht Ihnen übrigens frei, Ihre Gedanken im zweiten Schritt noch weiter auszuformulieren, zu sortieren und in Beziehung zu stellen. Neben der Klarheit kommt nun noch ein Stück Erkenntnis hinzu. Genau dies ist mein Erleben, wenn ich Artikel wie diese verfasse. Ich habe im Vorfeld nur selten eine passende Argumentationslinie zur Hand und bin oft selbst überrascht von den Erkenntnissen, die ich bei einem solch „meditativen Schreibprozess“ für mich selbst gewinne.

 

Mit einem „Check-in“ die Qualität von Meetings heben

Und wenn Sie dann mit klarem Kopf das nächste Meeting anleiten, versuchen Sie eine zweite Übung: Starten Sie das Meeting mit einem Check-in. Halten Sie zunächst gemeinsam mit Ihren Kollegen für einen Moment inne. Geben Sie danach jedem Teilnehmer die Möglichkeit, kurz darüber zu berichten, wie er sich fühlt, was ihn gerade bewegt, glücklich oder unglücklich macht – bis er mit einem entschlossenen „Ich bin dabei“, das von den anderen mit einem freundlichen „Willkommen“ beantwortet wird, eincheckt.

Was passiert hier? Das kurze Innehalten (Meditation) gibt uns zunächst die Möglichkeit, im Meeting anzukommen. Das anschließende Berichten über den aktuellen Gemütszustand entlastet, entspannt und bietet zudem die Möglichkeit, die eine oder andere Reaktion im nachfolgenden Meeting richtig einzuordnen – die beste Basis also für eine effektive und zielgerichtete Diskussion im Anschluss.

Normalerweise fremdle ich mit auferlegten Ritualen, so wie auch anfangs mit diesem „Check-in“ zum Meeting. Heute möchte ich dieses Prozedere, das bei fibonacci & friends regelmäßig praktiziert wird, nicht mehr missen bzw. vermisse es (zum Teil schmerzlich) in Meetings mit anderen Geschäftspartnern.

Denn im Kern ist dieser Check-in-Prozess nichts anderes als eine ritualisierte Form des „Small Talks“ (vor dem „down to business“), für das man sich angesichts des zunehmend hektischeren Alltags immer weniger Zeit gönnt. In der Folge ähneln viele Meetings heute einer Ansammlung von Monologen unter Getriebenen, die in Gedanken noch oder schon bei anderen Themen sind. Die fünf bis zehn Minuten Check-in-Prozess als Einstieg in das Meeting erscheinen mir vor diesem Hintergrund als eine lohnende Investition.

Übrigens lässt sich in ähnlicher Form auch ein „Check-out“ vom Meeting gestalten. Dies bietet die Möglichkeit, die eine oder andere emotionale Diskussion noch einmal einzufangen – und auch zu erfühlen, ob der Diskussionspartner zuletzt deshalb schwieg, weil er überzeugt oder einfach nur erschöpft war.

 

Mein Credo:

Ob Meditation, „Reflective Journaling“ oder „Check-in“ zum Meeting: All diese Übungen sind kein Hexenwerk und keine Esoterik. Im Kern helfen sie uns, kurz in der zunehmend hektischen Welt einfach mal innezuhalten, zu uns selbst zu kommen und uns anderen Menschen zuzuwenden. Hier liegt meines Erachtens ein großes Stück der digitalen Kompetenz, die wir in den nächsten Jahren dringend benötigen – viel mehr noch als Programmierkenntnisse.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen besinnliche Feiertage! Halten Sie mal inne, und nehmen Sie sich etwas (mehr) Zeit für Ihre Mitmenschen. Damit sind Sie auf dem besten Weg, die Herausforderung im neuen Jahr zu meistern.

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Digitales-Wirtschaftswunder.de, dem Themenblog der QSC AG

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