Die letzte CeBIT: Warum die Büro-Dinosaurier aussterben (müssen)

IT-Dinosaurier

Bild: © istock.com / blueringmedia

Wir erleben das Ende der Kreidezeit in der Büro-IT. Nach dem Einschlag des iPhone-Meteoriten verschwinden die letzten Dinosaurier. 2014 verabschiedete sich mit Steve Ballmer der T.Rex in den Großwildruhestand. Und 2018 fiel das artenreichste Dinoreservat auf unserem Kontinent, die CeBIT, dem digitalen Klimawandel zum Opfer. Eine Hoffnung für alle Nutzer in freier Wildbahn. Eine kleine Paläontologie…

Anfänge in der Digital-Tundra

Aus klimatischer Sicht hätte dem niedersächsischen Messefrühjahr schon längst ein milder Klimawandel ins Tropische gut getan: In Hannover erlebten viele IT-ler die eisigsten Zigarettenpausen der Branche. Mancher zart gebaute Säuger soll schon beim Schlangestehen vorm Currywurststand im eisigen Tundrawind erfroren sein.

Trotz widriger Witterung hatte die CeBIT in den zurückliegenden 32 Jahren einen ansehnlichen Artenreichtum hervorgebracht. Ihre Ursprünge reichen sogar zurück ins Jahr 1970, als die CeBIT noch eine Techie-Halle auf der Hannovermesse war, dem nach wie vor weltgrößten Industrie-Event. Mitte der 1980er war dann die Zeit reif für eine eigene Computermesse. Zwischen Vokuhilas, desserttellergroßen Kassengestellen und Schulterpolstern kündeten Neuheiten wie der 80286 Highend-PC vom herannahenden digitalen Zeitalter.

Evolution Computertechnik

Bild: © istock.com / mathisworks

 

Der Kistenkorso

Die Idee, alle Computerneuheiten auf einer eigenen Schau vorzuführen, war damals absolut sinnvoll: Denn nicht einmal drei Prozent der Büros verfügten seinerzeit schon über einen PC moderner Bauart. Die Menschen brauchten einen Ort, an dem die digitale Bürowelt als ganze sichtbar wurde, anstatt ihre Fragmente in den Gimmickecken irgendwelcher Branchen-Events zu verstecken.

Für eine eigene Schau sprach damals auch, dass Digitalisierung noch ein sinnliches Erlebnis war: Diese erste Phase war vor allem eine lange Parade von Geräten, die in ihrer beeindruckend graubeigen Hässlichkeit schon optisch wie Fortschritt aussahen. Wie Familien seit dem Wirtschaftswunder eine Waschmaschine anschafften, ein Auto oder einen Fernseher, wurden auch in den Büros neue Kisten aufgestellt. Diese Kisten wurden Jahr um Jahr kleiner, schneller und schließlich sogar tragbar. So hatte jede CeBIT ihre Sensationen.

Gleichwohl waren die Kisten kompliziert zu bedienen und unverschämt teuer dazu. Deshalb war die Gerätephase das Spielfeld der Firmen und Geschäftsanwender. Daher rührt vermutlich auch die Abneigung der Messemacher und meisten Aussteller gegen die quietschigen Präsentationen der Verbraucherelektroniker. Den Privatanwender sahen die immer größer werdenden IT-Dinos damals noch als Nahrungskonkurrenten für ihre Business-Kunden beim Abgreifen von Werbegeschenken.

Sachbearbeiter

Bild: © istock.com / erhui1979

Überhaupt: der gemeine Nutzer. Ob im Büro oder zu Hause, die Nutzer galten damals nicht viel. Schon gar nicht als Trendsetter wie heute. Zuständig für die Dateneingabe waren sie seinerzeit bloß das unzuverlässigste Peripheriegerät am Computer. Analog zur einstigen Mutterveranstaltung, der Hannovermesse, war die CeBIT die Leitmesse für die digitalen Bürofabriken. Geschaffen für in Massen produzierende Sachbearbeiter und das Arbeiten in Verwaltungshierarchien.

Dann kam das Internet.

 

Noch eine letzte große Party

Bevor 2007 der iPhone-Meteorit einschlug, hatte das Aussterben der IT-Dinosaurier längst begonnen. Dabei feierte die Branche zum Höhepunkt der New Economy noch einmal rauschende Feste in Hannover. Doch in dieser Euphorie schwand bereits die einstige Innovationskraft. Auslöser war der eigentliche Anlass der großen Millenniumsparty.

Internet, E-Commerce, Breitbandnetze – sie schufen die erste wirkliche Infrastruktur für die digitale Wirtschaft. Weil sie nicht nur Computer (in Unternehmen) verkabelten, sondern zum ersten Mal Wirtschaft und Konsumenten in einem grenzenlosen binären Markt zusammenschlossen.

New Economy

Bild: © istock.com / juliannafunk

Die Stars waren fortan nicht mehr die Kisten (und ihre Konstrukteure), ebenso wenig die großen Softwarepakete, die sie antrieben, sondern das Netz und später seine sozialen Plattformen. Und, wie sich ein paar Jahre später mit dem Social-Media-Boom zeigte: Die Nutzer! Mit welchen Kisten man auf das Internet zugriff, wurde zweitrangig. Wichtig war nurmehr, was die Nutzer im Netz anstellten.

Die große CeBIT-Familie verschlief diesen Wandel – und mancher schlummert scheinbar heute noch in friedlicher Winterstarre. Während die Unternehmens-IT ihre Nutzer einmauerte, Wassergräben um ihre Kisten zog und jeden Auswärtigen am liebsten aussperren wollte, taten die Erben der Dinosaurier im Silicon Valley das glatte Gegenteil: Sie nötigen alle, sich mit ihnen zu verbinden. So floss ihnen ein Ozean an Daten zu und damit bislang ungekannte Einsichten in das Verhalten und die Präferenzen von Menschen. Heute flutet ihr Wissensschatz die digitalen Märkte und überspült die Hinterlassenschaften der Dinosaurier als irgendwann mal versteinerte Relikte einer versunkenen Epoche. Die Kalifornier jedenfalls verdienen Phanstatilliarden mit ihren Wunderwerken, und ihr kindlicher Erfindergeist bringt inzwischen ganze Demokratien ins Wanken.

 

Survival of the user-friendliest

Unbemerkt und unterschätzt von den einstigen Großechsen standen plötzlich die unscheinbaren Bodenbewohner der Dinowelt im Mittelpunkt. Das Silicon Valley tut alles, um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu gewinnen, sie zu binden und ihr Verhalten zu beeinflussen. Dies geschah und geschieht heute in einem Stück Software. Die Ladenlokale und die Büros des 21. Jahrhunderts sind digitale Benutzeroberflächen. Die Kisten sind nicht mehr kompliziert, sondern verführerisch! Selbst Kleinkinder lernen den Umgang mit den Touchoberflächen leichter als das Laufen.

Zwischen San Francisco und San José entwickelten Jugendliche in Schlabberklamotten die „User Experience“ zur angewandten ästhetischen Wissenschaft. Dort hatte man keine Berührungsängste vor den Erkenntnissen der Computerspielebranche, Big Data und dem modernen Mediendesign. Dagegen mutet die Computerarbeit in den traditionellen Büroetagen Anwendern noch heute prähistorische „Nutzen“-Erlebnisse zu.

In diese Welt des Umbruchs schlug vor einem Jahrzehnt schließlich der iPhone-Meteorit ein und fegte hinweg, was ohnehin schon auf tönernen Füßen stand. Sein Erbe ist eine Computertechnik, die unseren Alltag immer tiefer durchdringt: weil jedes Kind sie bedienen kann und weil sie keine blinde Datenverarbeitung mehr betreibt, sondern Kommunikationsverarbeitung.

 

Modern Workplace

Bild: © istock.com / IconicBestiary

Im Naturkundemuseum arbeiten

Indes nicht überall: In ökologischen Nischen haben versprengte Dinoherden bislang überlebt. Betreten private iPhone- oder iPad-Besitzer heute ihr Büro, verbringen sie die folgenden acht Stunden in einem Jurassic Park der Produktivität – als seien die ganzen Dinogerippe noch höchst lebendig. Zu Hause sind sie längst daran gewöhnt, spielerisch leicht Inhalte zu teilen, Filme zu schneiden und gemeinsam mit anderen Nutzern an Dokumenten zu basteln. In der Zone des digitalen Taylorismus hingegen dreht sich noch alles um Dateien, Ordner und die traditionelle Bearbeitung von „Vorgängen“.

Im Jurrassic Park wird der Nutzer wieder zum Sachbearbeiter: der einen Arbeitsauftrag erhält, ein Dokument anlegt, seine Arbeit beendet und sein Werkstück schließlich weiterleitet. Abteilungs-, geschweige denn unternehmensübergreifender Ideenaustausch, und zwar mit Hilfe des Computers, sind technisch nicht vorgesehen – oder so umständlich, dass man die firmeneigene IT lieber strafbewährt umgeht. Und wie die alten Kisten so auch ihr Inhalt: Die monolithischen Software-Ungetüme, die auf der CeBIT noch auf hausgroßen Karnevalswagen bejubelt wurden, sind beim grenzüberschreitenden Datenaustausch so freizügig wie die Berliner Mauer.

 

Wenn das Mittel zum Zweck wird

In Ketten gelegt, sollen Mitarbeiter mit der Dinosaurier-IT im Büro trotzdem immer effizienter arbeiten. Stichwort Digitalisierung. Angesichts der Leichtigkeit, mit der die Consumer-IT das heute schon bewerkstelligt, fällt dieser Anspruch eher unter Satire.

Dabei geht es schon heute anders: Bei der Arbeit im Postdinozeitalter stehen nicht mehr Kisten, Vorgänge und Dokumente im Mittelpunkt, noch nicht einmal mehr der einzelne Sachbearbeiter: sondern das Team. Teams sind im ständigen Dialog auf verschiedenen Kanälen, je nachdem wie intensiv und komplex ihr Austausch sein muss. Sie sehen in Echtzeit, woran ihre Kolleginnen und Kollegen gerade arbeiten und was die nächsten Schritte sind. Sie arbeiten gleichzeitig an Inhalten. Dokumente werden nicht mehr verschickt, sondern jeder hat von überall her Zugriff darauf. Der Fortschritt der Arbeit und Änderungen an den Inhalten werden für jeden sichtbar dokumentiert. Externe Partner können jederzeit und von überall am produktiven Austausch teilhaben.

Wozu das Ganze? Weil Evolution keine lineare Verbesserung nach unveränderlichen Maßstäben ist, sondern Anpassung an neue Umweltbedingungen. Im einstigen Dinotop herrscht heute beschleunigter Wandel. Mitarbeiter müssen immer neue, komplexere Probleme lösen. Um das Abarbeiten immer gleicher „Vorgänge“ kümmert sich heute der Computer – ganz ohne Nutzer übrigens. Menschen sind heute zu wertvoll für den Einsatz als bloßes Mittel zur Dateneingabe. Ihr Einfallsreichtum ist der Motor für die Wertschöpfung in der digitalen Wirtschaft. Die Kreativität für komplexe Probleme kommt aus der Gruppe und der Fähigkeit, sich für jedes Projekt produktiv zu vernetzen. So werden aus Sachbearbeitern Wissensarbeiter.

Nur: Wie zeigt man das auf einer Messe?

 

Wissensarbeiter

Bild: © istock.com / akindo

Die IT wird unsichtbar – und allgegenwärtig

Jedenfalls nicht mehr auf einer einzigen Schau für Computertechnik. Denn die Technik wird unsichtbar. Sie wird immer kleiner und verwächst mit jedem Lebensbereich. Selbst die Großtechnik in den Rechenzentren verschwindet zusehends aus dem Sichtbereich der Unternehmen zugunsten virtueller Ressourcen und Entwicklungsplattformen aus der Cloud. Den Unterschied macht nicht mehr das Blech, sondern was wir damit anstellen. Aber das findet vor allem in unserem Kopf statt bzw. zwischen unseren Köpfen.

Der Computer ist vom Bürogerät zu einem intellektuellen Werkzeug erwachsen.

Der Rummel um die Apple-Events mag darüber hinwegtäuschen: Aber die Nutzer emanzipieren sich von den Kisten, so wie die Ingenieure, Kaufleute, Projektmanager und Kommunikationsexperten von den reinen EDV-Experten. Sie alle werden künftig zu Digitalexperten in ihrem Fach.

 

So sinnvoll wie eine Schau für Geräte mit Elektroanschluss

Darum wird Computertechnik wieder auf der Hannovermesse ausgestellt – und überall dort, wo sie eingesetzt wird: auf Messen und Kongressen für die Logistik, die Medizin, die Werbung, das Personalwesen, die Architektur, die Fotografie, den Handel, die Verwaltung usw.

Im 19. Jahrhunderte machte es Sinn, elektrische Geräte an einem Ort zu zeigen, weil sie noch Raritäten waren und eine Sensation. Aber heute? Eine Messe für alle Geräte mit Stromstecker wäre heute ebenso absurd wie eine Schau für alle digitalen Maschinen.

 

Deine dankbaren Erben

Die CeBIT und ihre Dinosaurier haben ihre Aufgabe erfüllt. Ihre Artefakte und Gerippe schmücken schon erste Museen und rufen bei den Angehörigen der Generation Golf noch wohlige Erinnerungen wach an den ersten eigenen PC, den Norton Commander, die Helden vom WDR Computerclub und an die eigentlich überteuerte Tundracurrywurst, bezahlt vom Praktikantengehalt.

Danke CeBIT – es wird nie wieder so sein wie damals. Ruhe in Frieden!

Drucken
  • Avatar
    Dragan sagt:

    Vor 20 Jahren war ich Aussteller zur Untermiete auf einem IBM-Stand mit unserer WaWi auf AS/400: flächendeckend dunkle Anzüge und ernste Gesichter, regelmäßig lief einer umher und scheuchte uns von den Hockern, gesessen wird nur bei Koliken oder Kundenbesuch, sonst nicht. Ab und zu verliefen sich Halbwüchsige auf den Stand, staunten über den green screen und fragten was denn das für ein komischer PC sei. Kreidezeit pur.

    Die wichtigste Erkenntnis: gehe NIEMALS mit Messeprofis Abends los, die sind am nächsten Morgen topfit während du den ganzen Tag völlig zerknautscht durch die Hölle gehst, und ein Ausstellertag entspricht gefühlt 3 normalen Tagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Um die Diskussionsqualität zu wahren, veröffentlichen wir nur noch Kommentare mit nachvollziehbarem Vor- und Nachnamen sowie authentischer E-Mail-Adresse. Bitte beachten Sie zudem unsere Social Media Guidelines.