Cloud, SAP und IoT: QSC setzt künftig ganz auf Wachstum

Jürgen Hermann, Vorstandsvorsitzender der QSC AG. Bild: © QSC AG.

Interview mit Jürgen Hermann, Vorstandsvorsitzender der QSC AG. Bild: © QSC AG.

Es ist ein Meilenstein: Die QSC AG verkauft – wenn es das Kartellamt genehmigt und weitere formale Voraussetzungen erfüllt sind – ihre auf Telekommunikation spezialisierte Tochterfirma Plusnet an den EnBW-Konzern. Danach wird sich das Unternehmen klarer als bisher als IT-Dienstleister für den Mittelstand positionieren – und mit Cloud-, SAP- und IoT-Services wieder Wachstum zeigen. Dazu hat das Management eine Wachstumsstrategie 2020plus entwickelt, die der QSC-Vorstandsvorsitzende Jürgen Hermann im Interview erläutert.

 

Herr Hermann, auf der Hauptversammlung der QSC AG in der vergangenen Woche mussten Sie den Aktionären den Verkauf der Telekommunikationssparte und des bundesweiten Breitbandnetzes von QSC erklären. Ist Ihnen das gelungen?

Hermann: Erwartungsgemäß gab es sehr intensive Diskussionen, ob unsere geplante Wachstumsstrategie wirklich erreicht werden kann. Ich bin überzeugt, dass wir das Vertrauen am Kapitalmarkt, und zwar unserer heutigen Aktionäre, aber auch neuer Investoren, gewinnen werden. Der wesentliche Aspekt ist hierbei die Umsetzung unserer Wachstumsziele ab 2020, und zwar von Quartal zu Quartal. Der aktuelle Börsenwert der QSC AG entspricht aus meiner Sicht nicht dem wahren Potenzial von QSC. Das Vertrauen unserer Kunden haben wir übrigens bereits heute, die Vertragsverlängerungen unserer Bestandskunden und unsere gewonnenen Neukunden belegen das eindrucksvoll.

 

Schon vor dem geplanten Verkauf der TK-Sparte hat sich QSC als Digitalisierer für den Mittelstand präsentiert. Weshalb haben Sie sich dann  für die Trennung von Plusnet entschieden?

Hermann: Wir sind sicher, dass die xDSL-Technologie noch viele Jahre in Deutschland genutzt wird, der Trend zur Glasfaser auf der „letzten Meile“ ist aber unumkehrbar. Der Aufbau eines eigenen Glasfasernetzes war für uns zu keinem Zeitpunkt eine realistische Option. Die langfristigen Alternativen für die Plusnet bestanden somit in der Entwicklung zu einem Serviceanbieter ohne eigene Infrastruktur oder darin, den strategischen Zugang zu großen Bandbreiten über einen Kooperationspartner sicherzustellen. Die Gespräche mit potenziellen Partnern haben schnell deren Interesse an einer vollständigen Übernahme der Plusnet gezeigt.

Mit der EnBW haben wir nun einen passenden Partner und einen sehr guten Käufer gefunden. Das Closing, also der formale „Vollzug der Transaktion“, haben wir übrigens für den 31. Juli 2019 geplant, es könnte aber auch schon zum 30. Juni soweit sein.

 

Der Verkauf wird über 200 Millionen Euro in die QSC-Kasse spülen. Was haben Sie damit vor?

Hermann: Mit dem Erlös können wir unsere Wachstumsstrategie in den sehr attraktiven Geschäftsfeldern beschleunigt umsetzen. Wir haben in den letzten Jahren bereits die wesentlichen Grundlagen geschaffen und noch in diesem Jahr werden wir bis zu 20 Millionen Euro in das Wachstum investieren. Das hat oberste Priorität. Darüber hinaus schließen wir gezielte kleinere Akquisitionen in Technologien nicht aus. Außerdem hat QSC aktuell Schulden in Höhe von 120 Millionen Euro, die wir komplett zurückzahlen werden.

 

Wachstumsmärkte der QSC AG: Cloud, SAP und Internet of Things.

Zukünftige Wachstumsmärkte der QSC AG: Cloud, SAP und Internet of Things. Grafik: © QSC AG.

 

Sie haben unter dem Titel Wachstumsstrategie 2020plus einen Fahrplan für das Unternehmen vorgelegt. Wie sieht der aus?

Hermann: Diese Strategie definiert erstens die Märkte, in denen wir aktiv werden wollen. Es handelt sich um Cloud, SAP und IoT. Hier gibt es für den deutschen Geschäftskundenmarkt ein gewaltiges Potenzial. Innerhalb dieser drei Märkte konzentrieren wir uns konsequent auf die Anforderungen des deutschen Mittelstands. Wir haben uns dabei konkrete Ziele gesetzt: Der aktuelle QSC-Umsatz ohne das TK-Geschäft lag im vorigen Jahr bei 135 Millionen Euro. Bis 2022 wollen wir mit unseren IT-Dienstleistungen einen Umsatz von 200 Millionen Euro erreichen, eine EBITDA-Marge von größer als zehn Prozent erzielen und natürlich einen positiven Free Cashflow erwirtschaften. Kurz gesagt: Wir wollen deutlich wachsen.

Zweitens geht es um das richtige Portfolio für unsere Zielgruppen. Mittelständische Unternehmen ab zirka 200 IT-Arbeitsplätzen benötigen zum einen standardisierte und branchenübergreifende Produkte und Lösungen, zum Beispiel den digitalen Arbeitsplatz, Cloud-Services, Rechenzentrumsdienste aller Art oder den SAP-Applikationsbetrieb. Wenn wir tiefer in die Wertschöpfung einsteigen, sind detaillierte Kenntnisse über den Kunden unerlässlich. Das können wir nicht für alle Branchen abdecken, deswegen werden wir uns auf drei ausgewählte Branchen fokussieren. Es handelt sich um Handel, produzierendes Gewerbe und Energie. Wir kennen diese Märkte, sie repräsentieren fast die Hälfte des deutschen IT-Marktes und sie stehen alle vor gewaltigen Herausforderungen durch die Digitalisierung. Die Kür liegt dann in der Entwicklung eigener Software-Lösungen für diese Branchen, sogenannte Intellectual Property, die uns auch langfristig skalierbares Wachstum und Rentabilität sichert.

Drittens werden wir mit unseren strategischen Partnern SAP, Microsoft und weiteren Experten unser Potenzial am Markt multiplizieren. Die Bedeutung dieser Partnerschaften ist ein wichtiger Aspekt, den wir in den letzten Jahren vernachlässigt haben.

 

Und wie schätzen Sie die Chance ein, diese Ziele zu erreichen?

Hermann: Ambitioniert, aber realistisch. Im Bereich Cloud und SAP sind wir schon deutlich weiter und damit sind auch die Ziele konkreter. Im IoT-Bereich sind wir auch schon seit Jahren aktiv, aber neue Technologien wie das Edge Computing haben noch Projektstatus und sind damit natürlich noch mit größerer Unsicherheit zu bewerten. Wir werden hart arbeiten und unsere Hausaufgaben machen. Die neue Geschäftsleitung steht auf jeden Fall für die erforderliche Expertise und die richtige unternehmerische Einstellung. Zu ihr zählen Thies Rixen (Leiter Geschäftsbereich Cloud & IT-Outsourcing), Myriam Jahn (Geschäftsführerin Q-loud), Thorsten Raquet (Leiter Geschäftsbereich SAP), Rüdiger Hofer (Leiter Geschäftsbereich Colocation), Waldemar Gerlach (Leiter Strategisches Partnermanagement) und Christoph Reif (Leiter Finanzen).

Darüber hinaus haben wir einen unternehmensweiten, strukturierten Strategieprozess angeschoben, in den alle verbleibenden rund 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einbezogen werden. Alle arbeiten am gleichen Ziel: absolute Kundenorientierung, Vertrieb leben und Spaß an Innovationen und an neuen Technologien. Und nicht zu vergessen die mittelständischen Tugenden Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Pragmatismus und Teamgeist im täglichen Arbeiten umzusetzen. Das sind letztendlich die Kriterien, die im Vergleich zu unserem Wettbewerb den Unterschied ausmachen. Unsere Kunden soll es im wahrsten Sinne Spaß machen, mit uns zu arbeiten.

In einem weiteren Projekt geht es um die Stärkung der Arbeitgebermarke, um der Herausforderung Fachkräftemangel zu begegnen.

 

Strategie 2020plus der QSC AG.

Digitalisierer für den Mittelstand: Die Strategie 2020plus der QSC AG. Grafik: © QSC AG.

 

Das klingt nach großem Optimismus und nach Aufbruchsstimmung.

Hermann: Dem möchte ich gerne zustimmen. Wir haben harte und in gewisser Hinsicht auch schmerzvolle Jahre hinter uns. Und dies nicht nur für unsere Führungskräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch bei unseren Kunden. Es ist mehr als ärgerlich, dass wir wichtige Ausschreibungen im Geschäftsjahr 2017 nicht gewinnen und zwei wichtige Bestandskunden nicht verlängern konnten.

Trotzdem sind wir im vergangenen Geschäftsjahr wieder in die „schwarzen Zahlen“ zurückgekehrt und viel wichtiger: 2018 haben sich ausnahmslos alle Bestandskunden, deren Verträge zur Verlängerung anstanden, erneut für QSC entschieden und dabei häufig das Vertragsvolumen erweitert. Darunter fallen so namhafte Kunden wie Atos, ECE, Edeka, Esprit, Fressnapf, Harry Brot, Imperial Tobacco, Sportscheck und Tchibo. Hinzu kommen neue Kunden, wie etwa der international tätige Schweizer Stahlkonzern SCHMOLZ + BICKENBACH, der die QSC AG kürzlich mit der Konsolidierung und Modernisierung seiner IT-Umgebung beauftragt hat. Dies belegt, dass unser integriertes Portfolio beim Mittelstand ankommt. Es belegt, dass wir mit diesem Portfolio wachsen können. Und zwar im Cloud-, im SAP- und im IoT-Umfeld. Und es belegt unsere Servicequalität.

 

Sie haben kürzlich den neuen Geschäftsbereich Strategische Partnerschaften geschaffen. Welche Aufgabe soll er erfüllen?

Hermann: Richtig, diesen Bereich führt Waldemar Gerlach, der in den vergangenen Jahren unser Cloud-Geschäft deutlich ausgebaut hat. Im Ausbau strategischer Partnerschaften sehen wir – neben unserem eigenen Vertrieb – einen wichtigen weiteren Multiplikator und damit Wachstumsfaktor.

Es geht hier um unsere Partnerschaften vor allem mit SAP und Microsoft, aber auch mit weiteren Spezialisten – zum Beispiel dem IT-Systemhaus Bechtle. So verfügt Bechtle über große Hardware-Kompetenz, während wir eher mit Cloud-Know-how punkten können. Durch solche Kooperationen erhalten wir unmittelbar Marktzugang zu Firmen, zu denen Bechtle schon eine gute Beziehung aufgebaut hat und umgekehrt. Das verkürzt unsere Akquisitionsprozesse und öffnet gleichzeitig neue Märkte. Daran sieht man, dass diese Partnerschaften unseren Marktangang so beschleunigen und verbreitern, wie es für uns allein gar nicht möglich wäre.

 

Wird Telekommunikation künftig noch irgendeine Rolle bei QSC spielen? 

Hermann: Telekommunikation wird nicht mehr Teil unseres Kerngeschäfts sein, aber natürlich werden TK-Leistungen weiterhin zum Portfolio von QSC gehören. Die Vernetzung von Standorten, innovative Voice-Services aus der Cloud und der einfache Zugang zum Internet gehören unverändert zu unserem Angebot. Diese Leistungen werden auch wie bisher in der gewohnten Qualität von Plusnet erbracht, daran ändert sich nichts. Im Management und mit unseren finanziellen Ressourcen können wir uns aber nun ausschließlich auf die neuen Wachstumsthemen konzentrieren.

 

QSC hat vor mehr als zwei Jahrzehnten als Telekommunikationsanbieter begonnen und war seither einer der wichtigsten Carrier und Service-Provider in Deutschland. Macht es Sie nicht wehmütig, mit dem Plusnet-Verkauf die eigenen Wurzeln zu kappen?

Hermann: Ich bin mir nicht sicher, ob wehmütig der richtige Begriff ist. Es ist aber richtig, dass mich die Mitarbeiterversammlung von Plusnet einen Tag nach der Vertragsunterzeichnung emotional berührt hat. Ich bin jetzt 22 Jahre bei QSC und zu vielen Kolleginnen und Kollegen hat sich eine persönliche Beziehung entwickelt. Andererseits: Wir arbeiten auch zukünftig zusammen, es ist für die neue QSC der absolut richtige Schritt und ich weiß die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Plusnet bei EnBW in guten Händen.

 

Weitere Informationen:

 

 

Cloud, SAP und IoT: QSC setzt künftig ganz auf Wachstum
3.1 (62.67%) 15 Bewertung[en]
Drucken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Um die Diskussionsqualität zu wahren, veröffentlichen wir nur noch Kommentare mit nachvollziehbarem Vor- und Nachnamen sowie authentischer E-Mail-Adresse. Bitte beachten Sie zudem unsere Social Media Guidelines.